Medienpädagogik-Praxistag 1.0: Liegevideo

Wir haben uns vor kurzem zu dritt getroffen um gemeinsam Liegevideos zu drehen und dabei auszuprobieren, ob das „Genre“ für die medienpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geeignet ist und um persönlich erste Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln. Hier schreiben wir unsere Erkenntnisse auf und versuchen damit eine Anleitung/ein HowTo zur Verfügung zu stellen. Unsere Beispielfilme sind hier und hier zu sehen und am Ende dieses Artikels.

Liegevideos und die Medienpädagogik

Um es schnell auf den Punkt zu bringen: Wir finden Videos im Liegen geeignet, um damit medienpädagogisch zu arbeiten. Zwar sind die zu erzählenden/erzählbaren Geschichten begrenzt und damit die inhaltliche Arbeit an einem Thema nur eingeschränkt möglich. Dafür bietet das „Genre“ sehr schöne Möglichkeiten kreativ zu spielen, das Medium zu entdecken und auch abgefahrene Ideen zu realisieren (Kettensägenjonglage geht mit richtigen Menschen nur auf diesem Weg).

Gleichzeitig sind die Ideen relativ leicht umzusetzen. Unsere beiden Videos haben je maximal eine Stunde Drehzeit benötigt. Auch innerhalb eines Tagesworkshops sind Liegevideos also realistisch umzusetzen. Liegevideos können also insbesondere ein Appetithäppchen für Jugendliche sein, in die Videoarbeit einzusteigen.

Idee und Inhalt

Damit haben wir uns nicht leicht getan, irgendwann sind die Ideen aber gesprudelt. Unserer Erfahrung nach sind folgende Inhalte besonders geeignet:

  • Tätigkeiten, die leicht ikonografisch darstellbar sind. Also insbesondere Sportarten (Flatolympics), aber auch unsere Akrobatik.
  • Alles was ohne Schwerkraft leichter funktioniert: Akrobatik, Sprünge, KungFu, aber auch Weltall-Szenen.
  • Musikvideos oder Filmszenen, die sich in 2D leicht nachstellen lassen.

Wie immer erleichtert auch hier bei allem Spaß ein kleines Drehbuch und/oder Storyboard die Planung und den Ablauf des Drehs.

Ort/Raum und Aufbau

Selbstverständlich muss die Kamera senkrecht über dem Boden hängen und das relativ hoch. Wir haben (September!) einen Raum mit entsprechender Deckenhöhe ausgewählt (diese Höhe sollte auch gut zu erreichen sein (Treppe, Empore, Leiter)), ansonsten geht natürlich auch ein Fenster und ein freier Platz davor (allerdings wetterabhängig).

Wir haben schnell festgestellt, dass die Kamera erstaunlich hoch hängen muss: Mindestens fünf Meter sollten es schon sein, sonst ist der Bildausschnitt nicht groß genug um entweder groß gewachsene AkteurInnen oder das Geschehen ganz abzubilden.

Ausserdem sollte an die Möglichkeit gedacht werden, einen Monitor, Beamer oder PC mit dem aktuellen Kamerabild so zu installieren, dass er von der Aktionsfläche eingesehen werden kann. Dann kann nämlich der/die Regieanweisende seine Anweisungen zuverlässig einbringen und die AkteurInnen können sich selber beim Spielen beobachten und bekommen so einen besseren Eindruck ihrer Bewegungen und dem Wirken im Bild.

Planen Sie zeitlich nicht zu knapp, wir haben allein für die Konstruktion und die Sicherung der Kamera rund eine Stunde benötigt. Außerdem empfehlen wir eine Vorbesichtigung der Location, um am Workshoptag klar zu haben was wie wo aufgebaut/-gehängt wird.

Setting und Filmhintergrund

Der Bildausschnitt/die Aktionsfläche sollte, einmal festgelegt, zur Orientierung abgeklebt oder anderweitig auf dem Boden gekennzeichnet werden. So kann souverän mit dem Bildausschnitt gespielt werden, insbesondere mit Auf-/Abtritt. Ausserdem erleichtert es den Aufbau der Requisiten.

Der Hintergrund, also in unserem Fall die Unterlage, sollte abhängig von der Handlung mit Bedacht gewählt werden. Ist viel Bewegung im Spiel (Rollbretter oder zappelnde AkteurInnen), muss der Untergrund glatt und hart sein und darf keine Falten werfen. Hier scheidet eine Decke oder ähnliches aus, es muss schon eine Plane sein.

Bewegung

Das ist die zentrale Herausforderung bei Liegevideos: Bewegung. Wer schon mal versucht hat im Liegen eine Gehbewegung zu machen, wird sich schnell wie ein Marienkäfer auf dem Rücken vorgekommen sein. Um trotzdem Bewegung ins Spiel bzw. den Film zu bekommen, gibt es zwei Möglichkeiten: Rollbretter oder StopMotion.

Rollbretter sind weitgehend selbsterklärend, hier muss mensch auf die Multidirektionalität achten, außerdem auf evtl. HelferInnen (siehe „AkteurInnen“). Mit Stopptrick ist alles möglich, allerdings nimmt die Animation ein wenig den Spaß des im-Liegen-schauspielens.

AkteurInnen

Wie bei fast allen Videoprojekten sind 5-8 Menschen pro Liegevideo eine gute Zahl, abhängig von der Zahl der Figuren im Film. Wird mit Rollbrettern gedreht, empfiehlt es sich eine ausreichende Anzahl (ggf. eineR pro DarstellerIn) von HelferInnen um den Bildausschnitt herum stehen zu haben, die bei Bedarf für die nötige Bewegungsenergie sorgen können. Bei StoppTrick erübrigt sich das selbstredend.

Umgekehrt gilt auch: Hat mensch trotz aller Organisationsbemühungen nur einen eng begrenzten Personenpool, macht es mehr Sinn einen Stopp-Trick zu machen als einen Flat-Movie, bei dem dann – aufmerksame Beobachter werden es sicher stellenweise in unserem Beispiel gesehen haben – entweder die Akteure etwas verloren im Bild herumdümpeln oder ihre Bewegungen inadäquat einsetzen.

Ansonsten ist die Rollenverteilung im Grunde wie bei „konventionellen“ Videoprojekten: Regie, SchauspielerInnen, Kamera, Ton (optional).

Materialliste

  • Planen, Decken, Folien oder ähnliches um die „Leinwand“ zu gestalten
  • Spanngurte um die Kamera zu befestigen
  • Gaffa für den Notfall (sollte ohnehin immer am Menschen sein, siehe MacGyver)
  • ggf. ein langes Kabel, um die Kamera mit einem Monitor, Beamer o.ä. zu verbinden (FireWire, S-Video für PC, Chinch oder S-Video für Beamer oder Monitor, andere hier nicht berücksichtigte Lösungen)
  • der dazu passende Beamer oder Monitor
  • Rollbretter, die nach Möglichkeit nicht breiter sein sollten als die darauf zum Einsatz kommenden Personen (Skateboards empfehlen sich nicht, da sie nur bi- und nicht multidirektional sind)
  • dünne aber dennoch stabile Schnüre um die Rollbretter zu bewegen (dicke Angelschnur, Paketschnur, dünne Stahlseile

Und nun abschließend noch unsere Ergebnisse (Klick auf die Bilder startet die Filme):

Flatcrobatics#1: Der Menschenturm

[qt:/wp-content/uploads/Liegevideo_Turm.m4v /wp-content/uploads/Liegevideo_Turm.jpg 480 360]

Flatcrobatics#2: Kettensägenjonglage

[qt:/wp-content/uploads/Liegevideo_Kettensägen.m4v /wp-content/uploads/Liegevideo_Kettensaegen.jpg 480 360]

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Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Eike Rösch für medienpaedagogik-praxis.de
Eike Rösch Kurzbio
ist Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und war zuvor mehrere Jahre als Medienpädagoge in der Jugendarbeit tätig. Er arbeitet an seiner Promotion an der Universität Leipzig zu Jugendarbeit in der digitalen Gesellschaft und hatte und hat Lehraufträge verschiedener Hochschulen.

Ein Kommentar

  1. Kameraarbeit mit Liegevideos im Raum als medienpädagogische Methode: ein HowTo | Medienpädagogik Praxis-Blog am 24.11.2009:

    […] Für Bewegung am Boden gilt das gleiche wie für herkömmliche Liegevideos: Rollbretter verwenden, Stopptrick oder ähnliches (hier das Liegevideo-HowTo). […]

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