Praxistest: iMovie 08 in der Medienpädagogik

Seit der Veröffentlichung von iLife 08 scheiden sich die Geister: Ist das neue, fast revolutionär veränderte iMovie 08 (bzw. 7.0) besser als die Vorgängerversion? Insbesondere die fehlende Timeline und die damit unmögliche Audionachbearbeitung haben die KritikerInnen auf den Plan gerufen. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es in medienpädagogischen Videoprojekten Einsatzgebiete gibt, wo iMovie 08 sehr gut geeignet ist.

Vor diesem Hintergrund habe ich mir schon lange vorgenommen, einen Praxistest zu machen – heute ist es endlich soweit: Ich taste mich an das neue Programm ran – inklusive dem neuen GarageBand, das iMovie wohl gut ergänzen soll. Und los gehts:

Bevors losgeht: Die Systemvoraussetzungen

Apple verrät folgendes auf der iLife-Website:

  • Mac Computer mit einem Intel, PowerPC G5 oder PowerPC G4 Prozessor
  • iMovie erfordert einen Mac mit einem Intel Prozessor, einen Power Mac G5 (2x 2,0 GHz oder schneller) oder einen iMac G5 (1,9 GHz oder schneller).
  • iDVD erfordert einen Prozessor mit 733 MHz (oder schneller).
  • 512 MB Arbeitsspeicher, 1 GB empfohlen. HD-Video erfordert mindestens 1 GB Arbeitsspeicher.
  • Mac OS X 10.4.9 (oder neuer)
  • 3 GB verfügbarer Speicherplatz auf der Festplatte
  • DVD-Laufwerk für die Installation
  • QuickTime 7.2 (oder neuer)

Damit ist eins schonmal klar: PowerBooks und iBooks sind raus. Und viele Institutionen der Jugendarbeit müssen sich gar nicht erst Gedanken drüber machen, ob nun das neue iLife Paket gut ist oder nicht. Mein PowerBook kann ich also auch beiseite lassen und baue erstmal nen neuen iMac auf.

Nach der Installation: Update!

Je nach Installations-DVD empfiehlt sich direkt nach der Installation ein Softwareupdate, da die erste ausgelieferte Version alles andere als ausgereift war. Aktuell (Anfang Dezember 2007) ist V7.1.

Und wer es noch nicht wusste: Die alte iMovie-Version (6) bleibt auf der Festplatte, bzw. wer sich zum ersten Mal iLife gekauft hat, kann sich die alte Version bei Apple runterladen.

Das Programmfenster

Nichts ist mehr wie es war: iMovie ist neu programmiert, die Bedienung völlig anders und damit auch der Fensteraufbau. Auf den ersten Blick ist alles sehr schick, ästhetisch und übersichtlich.

Das Fenster hat im Groben drei Bereiche: Das Vorschaufenster/den Monitor, den Ereignis-Bereich mit der so genannten „Ereignis-Mediathek“ und den Projektbereich mit der „Projekt-Mediathek“. In den Mediatheken wird alles verfügbare Material aufgelistet (die Ereignisse sind das Rohmaterial, Projekte sind die geschnittenen Versionen), dabei unterscheidet das Programm nicht mehr zwischen dem geöffneten und anderen Projekten – alles, was auf der Platte ist, wird angezeigt. Alles sehr ähnlich zu iPhoto und durchaus schlüssig.

Das iMovie-Programmfenster

Der Film entsteht im Projektbereich, der in der Standardansicht oben neben dem Monitor ist. Das ist für UmsteigerInnen gewöhnungsbedürftig, ein „Swap-Button“ links in der Fenstermitte tauscht aber Ereignis- und Projektbereich (auf sehr beeindruckende Weise), womit das Projekt nach unten und in gewohnte Gefilde kommt.
Allerdings lässt sich am rechten Rand der Materialbereich einblenden mit Sounds, Effekten, Titeln, was zusammen mit dem Ereignisbereich eine schlüssige Kombination ergibt (in diesem Fall sind alle „Rohmaterialien“ in der unteren Bildschirmhälfte, was die Arbeit für EinsteigerInnen nachvollziehbarer macht). Also die Ereignis-Mediathek eher nach unten.

Der Filmimport

Hier gibt es in der Bedienung keine großen Unterschiede. Sehr praktisch (insbesondere für EinsteigerInnen) ist die „Automatisch“-Funktion, die den ganzen Importvorgang inkl. zurückspulen erledigt.

Hier zeigt sich auch die praktische Implikation der Neuorganisation des Filmmaterials: Importiertes Material wird auf der Platte gesichert, unabhängig von einem Projekt (!). Der Importvorgang ist also vom Schnitt völlig unabhängig – so kann in Etappen importiert werden, bzw. können mit dem gleichen Material mehrere Schnittvorgänge/-projekte bestritten werden ohne neu importieren zu müssen. Es ist immer alles Material auf der Festplatte verfügbar. Praktisch.

Ganz nebenbei speichert iMovie 08 das Projekt on the run selbst. Es gibt keine „Speichern“funktion mehr, Apfel-S gehört der Vergangenheit an! Damit können keine Änderungen mehr verloren gehen; ein aktueller Projektstand kann durch „Duplizieren“ des Projekts in der Projektmediathek gesichert werden.

Schnitt/Bearbeitung

Was am Anfang nervt, wird mit der Zeit genial: „skimming“. Bewegt mensch die Maus über Material, wird der Film abgespielt („gescrubbed“). Dabei wird standardmaäßig auch Audio abgespielt – nervt, lässt sich aber leicht abstellen.

Skimming und Drag&Drop

Mit dieser Methode ist das Material schnell durchgeschaut, klicken und markieren wählt den Filmausschnitt – und mit Drag&Drop ist der schnell dem eigenen Film zugefügt. Gerade wenn es schnell gehen soll und auch für EinsteigerInnen lässt sich so schnell und intuituiv schneiden. Das Finetuning/Trimmen ist nicht einfach und erfordert Fingerspitzengefühl, aber funktioniert.

Schade: das intuitive „Durchschneiden“ (Clip teilen) mit der legendären Tastenkombination Apfel-T (alleine die war eine medienpädagogische Steilvorlage) funktioniert nicht mehr. Die Filmzusammenstellung erfolgt nur durch skimming/drag&drop, erst im Projekt kann mensch Clips teilen, allerdings ohne Tastenkombination.

Bild und Ton abstimmen, Audionachbearbeitung

Ein wichtiger Schnittvorgang ist so unmöglich: Bilder über vorhandenen Ton drüberlegen, bspw. ein Bild über einen Teil eines Interviews. Aber es funktioniert umgekehrt: Der Clipabschnitt mit dem gewünschten Ton wird wie gehabt markiert, Drag&Drop mit Apfel-Shift bewegt dann nur den Ton „unter“ einen vorhandenen Clip (wie Hintergrundmusik).

Richtige Tonnachbearbeitung ist in iMovie 08 unmöglich, allerdings gibt es eine Grobabstimmung, die wiederum sehr leicht bedienbar ist: Bei MouseOver über Clips werden Nachbearbeitungssymbole eingeblendet, u.a. für Ton, womit die Spur leiser gestellt und/oder ein/ausgeblendet werden kann. Sehr cool hierbei auch das Symbol für eine einfache Farbkorrektur, mit der sich sehr leicht der Weißabgleich nachstellen lässt.

Soll es intensiver in der Audionachbearbeitung zur Sache gehen, muss mensch das Projekt nach GarageBand exportieren (das dann so souverän funktioniert wie iMovie bisher). Dazu muss allerdings der Filmschnitt beendet sein. Oder es hilft nur noch ein Umstieg auf iMovie 06 oder Final Cut Pro. Leider.

Effekte, Übergänge und Titel

Ein großer Aufschrei der UserInnen nach der iLife-Veröffentlichung betraf die fehlenden Effekte und Übergänge. Ich persönlich finde das nicht wirklich tragisch, denn mehr als die drei Standard-Übergänge (die sind dabei) sind eh nicht ästhetisch und Effekte eh nur in seltenen Fällen. Jugendliche werden das anders sehen, denn auch Pimpen von Filmen ist in. Denen werden die fliegenden Bilder, Strude, Gewitter, Erdbeben usw. fehlen und eine Auseinandersetzungsmöglichkeit geht dadurch verloren. Die Grundelemente des Filmemachens sind aber dabei.

Eins allerdings nicht: SlowMotion!!! Das fehlt nun wirklich und mensch muss sich Tricks und anderer Programme bedienen, um die Filmgeschwindigkeit zu verlangsamen oder zu beschleunigen. Hier ist ein Workaround.

Die Titel sind schön, leicht einzufügen und auch intuitiv nach dem Einfügen zu verändern.

Film fertigstellen/Export

Der große Knaller kommt zuletzt: iMovie 08 kann den Film nicht direkt auf eine DV-Kamera ausspielen! Und als ob das nicht genug wäre: Der Export in das DV-Format (um das Ausspielen mit iMovie 06 vorzunehmen) führt zu Qualitätsverlusten (ob das ein Bug oder ein Feature ist, darüber streiten sich noch die Geister in den Foren)!

Außerhalb der Möglichkeit, generell das Programm zu wechseln gibt es hier einen Workaround, um hohe DV-Qualität zu erreichen. Hoffen wir auf die nächste Version.

Da nicht nur Steve Jobs momentan große Stücke auf Web2.0 hält, gibt es dafür reichhaltige Funktionen, um die eigene Produktion schnell auf Handy, iPod, iPhone – oder eben auf YouTube zu veröffentlichen. Für Jugendliche interessant, insgesamt wiegt das aber nicht die fehlende DV-Qualität auf.

FAZIT

Insgesamt gibt es Ausschlusskriterien: Qualitativ hochwertige Arbeit ist wichtig für professionelle Medienpädagogik, also insbesondere das Ausspielen auf eine Kamera und das Arbeiten in DV-Qualität. Will mensch sich hier keinen zusätzlichen Aufwand aufhalsen, sollte er/sie iMovie08 gleich links liegen lassen.

Gehts auch ohne, dann ist iMovie ein schönes und leicht zu bedienendes Schnittprogramm für absolute EinsteigerInnen und/oder wenns sehr schnell gehen muss und/oder sehr einfache Projekte, die insbesondere keinen aufwändigen Tonschnitt benötigen. Es reiht sich damit ein in eine Abfolge von immer komplexer werdenden Programmen, die lautet: iMovie 08, iMovie 06, Final Cut Express, Final Cut Pro.

Im Allgemeinen können die Erfahrungen aus Schnittseminaren auf andere Programme übertragen werden. Das gilt für iMovie 08 bedingt. Durch die innovative Bedienung (und die fehlende Timeline) ist die Übertragbarkeit des Programmaufbaus nicht offensichtlich. Wer auf iMovie 08 das Schneiden erstmals lernt, wird also schon mit iMovie 06 Probleme haben.

Diese Vorgängerversion bleibt glücklicherweise bei der Installation auf der Festplatte bzw. kann von der Apple-Seite heruntergeladen werden. Sie ist und bleibt state-of-the-art was einfache Schnittprogramme für EinsteigerInnen angeht. Am „unteren Ende“ wird sie allerdings für bestimmte Projekte gut vom neuen iMovie ergänzt. Und neue Versionen bringen hoffentlich auch ersehnte Funktionen wieder zurück.

Links

„Unlocking iMovie08“: Ein Blog mit Unmengen von Tipps und Workarounds

Apple: iMovie-Tastenkombinationen

Tricks für iMovie in einem Forenbeitrag

Download von iMovie 06

Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Eike Rösch für medienpaedagogik-praxis.de
Eike Rösch Kurzbio
ist Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und war zuvor mehrere Jahre als Medienpädagoge in der Jugendarbeit tätig. Er arbeitet an seiner Promotion an der Universität Leipzig zu Jugendarbeit in der digitalen Gesellschaft und hatte und hat Lehraufträge verschiedener Hochschulen.

Ein Kommentar

  1. Curare am 16.12.2007:

    Ein schöner Artikel. Der Tipp zum Download der alten Version war hilfreich 🙂

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