fake reality – „So echt, dass wir selbst darauf reinfallen würden“

Scripted Reality in der Medienpädagogik

"Jim Gabour" von openDemocracy auf flickr.com (cc by-sa)

Die TV-Erfolgsstory des vergangenen Jahrzehnts waren Formate, die vorgeben, „echte“ Menschen in „echten“ Situationen zu zeigen. In Wirklichkeit überlässt man bei solchen Produktionen selten etwas dem Zufall. Im Englischen hat sich dafür der Begriff „scripted reality“ etabliert.

Wie geht einE TV-ProduzentIn vor, der/die eine Doku-Soap oder Casting Show plant und damit möglichst viel Erfolg haben möchte? Seit 2009 versetzen wir in unseren „fake reality“-Workshops eine Gruppe 13-16jährige Jugendliche in diese Situation. Ihr Auftrag: eine Reality-TV-Inszenierung zu entwickeln und umzusetzen, die möglichst echt wirkt und dabei von Anfang bis Ende durchgeplant ist. Wie solche Workshops ablaufen, das soll dieser Praxisbericht zeigen.

Reality-Formate sind ein fixer Bestandteil des jugendlichen Medienalltags. Für wie „real“ Jugendliche diese Sendungen halten, variiert stark. Dass alles echt sei, meint auch zu Beginn des Workshops niemand. In den Schlussrunden sagten bis jetzt alle, „Reality jetzt anders zu sehen“, was konkret für jeden einzelnen Unterschiedliches bedeuten mag.

Die Jugendlichen analysieren Reality-TV in den Workshops auf zwei Ebenen; zunächst im Gespräch und dann im Tun. Zumindest für einen Teil bleibt das Genre auf Papier noch zu abstrakt. Sie müssen das Besprochene umsetzen können und die Erfahrung machen, dass es wirklich so funktioniert. „Wir haben den fake super hingekriegt. Ich wäre selbst darauf reingefallen“, war bis jetzt das zufriedene Endresümee alle Workshopgruppen.

Videoworkshop mit Fokus auf Reality-TV

Vom Aufbau ähneln die von Renée Frauneder und Lisa-Marie Gotsche konzipierten und durchgeführten „fake reality“-Workshops „klassischen“ Videoworkshops. Der Workshop dauert drei ganze Tage, am ersten Tag wird besprochen und geplant, am zweiten gedreht und am dritten geschnitten.

Inhaltlich geht es gleich am ersten Tag kopfüber in die Welt des Reality-TV. Die TeilnehmerInnen tauschen sich darüber aus, welche Arten von Reality-Sendungen sie kennen, welche besonderen Merkmale und Elemente diese haben und wie sie aufgebaut sind. Dafür ist in der Runde erfahrungsgemäß mehr als ausreichend „wildes Wissen“ vorhanden. Für einen guten Einstieg in das Genre muss dieses „nur“ zusammengetragen und sortiert werden.

Es geht darum, die spezifischen Merkmale und Gesetzmäßigkeiten eines Medienprodukts zu kennen und benennen zu können. Wo die Beobachtungen voneinander abweichen, wird diskutiert. Die ReferentInnen moderieren, halten die Erkenntnisse auf Plakaten fest und steuern bei Bedarf der Diskussion Fachbegriffe bei.

Da die Produktion TV-Charakter haben sollte, wird, bis auf etwaige Außenaufnahmen, im Studio mit zwei Kameras und Live-Schnitt gedreht. So entsteht relativ viel Material. Dies kann beim Schnitt nur bewältigt werden, indem die Gruppe arbeitsteilig an zwei miteinander vernetzten Schnittplätzen arbeitet. Der technische Aufwand dieser Workshops ist somit relativ hoch – eine abgespeckte Variante mit gleichen Inhalten wäre aber genauso gut vorstellbar.

Reality bedeutet „viel Drama“ – auch in der Produktionsgruppe

Ein Hauptmerkmal von Reality-Formaten ist laut Jugendlichen „viel Drama“. Dies kommt zunächst durch die handelnden Personen zustande. Die Charaktere in einer Reality-Produktion müssen keinesfalls realistisch sein; der/die ZuschauerIn erwartet „extreme Typen“. Reality-TV – erkennen die Jugendlichen – wird so gecastet, dass Konflikte vorprogrammiert sind. Auch der typische zeitliche Aufbau von Reality-Sendungen, die in Schleifen und Wiederholungen verlaufen statt linear, eignet sich gut dafür, emotionale Momente hervorzuheben.

Es hat sich bewährt, die Produktion als eine Folge einer Sendung anzulegen, die bereits seit einiger Zeit läuft. Die Konflikte sind schon „reif“ und die TeilnehmerInnen können alle Elemente ausschöpfen: es gibt ein „davor“ (Was bisher geschah) und „danach“ (Teaser), dazwischen die „Echtzeitsituationen“ und die „Wie war es für dich“-Interviews.

Eine Erkenntnis der ReferentInnen war, dass die „fake reality“-Workshops auf der gruppendynamischen Ebene besonders viel Aufmerksamkeit verlangen. Jugendliche steigen mit großer Leichtigkeit in die stereotypen Rollen ein, sind aber sehr dazu verleitet, in diesen zu bleiben. Und da diese Rollen häufig sehr raumgreifend sind, sind Teamkonflikte quasi an der Tagesordnung. Es muss – im Vergleich zu Workshops zu anderen TV-Formaten oder Filmgenres – viel mehr darüber geredet werden, wer wann in welcher Rolle agiert: wann bin ich in meiner Spielrolle, wann in der Rolle als Mitglied eines Videoteams.

Wieso wir das machen

Die „fake reality“-Workshops entstanden als Teil eines größeren Projektes, wo wir – das Team des medienzentrums – über unser Verhältnis zu Medienkritik nachgedacht haben.

Medienkritik-Konzepte umweht häufig ein Hauch von Spaß- und Genussfeindlichkeit. Man scheint den Medien gegenüber stets in Abwehrhaltung zu sein; eine „gesunde Mediendiät“ bedeutet sparsame Kost oder gar Verzicht. Eine solche Haltung wirkt in den heutigen mediendurchdrungenen Lebenswelten wenig zielführend. Außerdem lag die Deutungshohheit häufig ausschließlich bei den Erwachsenen: es schien darum zu gehen, den Kindern und Jugendlichen die richtige kritische Haltung einzuimpfen – nämlich die eigene.

Wir verstehen Medienkritik als einen Orientierungsprozess, der ein intensives Sich-Einlassen auf die Medien voraussetzt. Die Ergebnisse und Erkenntnisse sind subjektiv und stets auch ein Stück weit offen. So liefern etwa die „fake reality“-Workshops viele Reflexionsmomente und Aha-Erlebnisse, aber keine „Auflösungen“ was nun genau echt ist und was nicht.

Medienkritik muss keine distanzierte, stirnrunzelige Angelegenheit sein. Projekte wie „fake reality“ sind eine Einladung, ganz nah ran zu gehen, sich zu beteiligen und Spaß zu haben. Dass Kinder und Jugendliche Medien gerne faken, parodieren und persiflieren, ist nichts Neues. Dieses Tun, das Medienspiel, wurde als der mitunter effektivste und wirkungsvollste Zugang der Medienkritik in der Vergangenheit oft unterschätzt.

Anu PöysköDies ist ein Gastbeitrag von Anu Pöyskö. Die Autorin ist Medienpädagogin mit langjähriger Erfahrung in der medienpädagogischen Projektarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Seit 2004 leitet sie das wienXtra-medienzentrum, eine der größten medienpädagogischen Praxiseinrichtungen Österreichs.

Mehr zum fake reality-Konzept auch in der Ausgabe 2011/03 der „merz – medien + erziehung“.