Among Us – der Twitch-Hype in der medienpädagogischen Praxis!?

Among Us

Among Us (entwickelt vom US-amerikanischen Indie-Studio InnerSloth) ist bereits seit 2018 als App und Game (für Android, iOS und Microsoft Windows) auf dem Markt. Doch gerade in den letzten Monaten nimmt die Zahl der Spieler*innen weltweit rasant zu. Wie das Spiel vor allem auch in der medienpädagogischen Praxis sinnvoll und altersgerecht eingesetzt werden kann, wird im folgenden beschrieben.

Der Hype um Among Us ist vor allem auf die Streaming-Plattform Twitch und hier besonders auf den Twitch-Streamer Chance „Sodapoppin“ Morris zurückzuführen. Dieser spielte Among Us zusammen mit anderen Twitch-Stars, die es wiederum mit anderen live im Stream zockten. So verbreitete es sich, gerade in der Zeiten der Kontaktreduzierung auch in der Online-Variante hierzulande enorm.
Das Spielprinzip ist schnell erklärt, wenn man die analogen Pendants namens Mord in Palermo, Werwolf oder Mafia bemüht: im Gemeinschaftsspiel mit Weltraum-Setting spielen bis zu 10 Personen mit- bzw. gegeneinander. 1 bis 3 Spieler*innen sind in der geheimen Rolle der Impostors (also die Betrüger) gegen die restlichen Crewmates unterwegs und versuchen diese Runde um Runde zu eliminieren. Die Crewmates können während den Runden kleine Aufgaben (eher sinnfreie Mini-Spiele) im ganzen Raumschiff erledigen oder auch einzelne Teammitglieder beschatten – immer im Wissen, dass sie vielleicht das nächste Opfer sein könnten. Ziel der Crew ist es, entweder alle Aufgaben gemeinschaftlich abgearbeitet zu haben oder die Impostors enttarnt zu haben und von Board zu werfen. Im Gegensatz dazu versuchen die Impostors alle anderen umzubringen. Die Geister der Crew können auch weiterhin ihre Mannschaft bei der Aufgabenerfüllung unterstützen und sind somit immer noch im Spiel, können sich allerdings nicht mehr mitteilen. Wenn eine verdächtige Handlung gemeldet oder eine Leiche gefunden wurde, endet eine Spielrunde im gemeinsamen Text-Chat. Hier wird nun darüber abgestimmt, wer der Saboteur sein könnte. Diese Abstimmung kann mitunter zu sehr regen Diskussionen, Beschuldigungen und Verhandlungen führen. Bei der anschließenden Abstimmung hat jede*r eine Stimme, mit der man eine*n andere*n Spieler*in als Impostor verdächtigen kann. Die Person mit den meisten Stimmen wird von Board geschmissen. 

Pädagogische Empfehlung

Among Us fördert neben dem sozialen Lernen innerhalb einer Gruppe, Teamarbeit und Kooperation vor allem die Kommunikation und Debattenkultur, gerade in der lokalen Variante oder über den Kontakt im Sprachchat.
Impostors werden zufällig ausgewählt. Jeder darf oder muss in die Rolle des Mörders schlüpfen. Dabei ist ein gutes Pokerface und Überzeugungskraft wichtig. Das heißt auch, dass jede*r einmal mit (Falsch-)Beschuldigen und Verteidigen dran ist. Und hier ist schon so manche Freundschaft und Loyalität hinterfragt worden.
Durch die gemeinsame Impostor-Wahl lassen sich auch Themen wie aktive Beteiligung und gesellschaftliches Mitentscheiden ansprechen. Anhand der Methode des Mehrheitsentscheids innerhalb der Meetings lassen sich Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse aufzeigen und auf die politische Praxis übertragen.

Laut App Store ist die App ab 9, im Google Play Store ab 10 Jahren freigegeben. Derzeit gibt es noch keine USK- oder PEGI-Bewertung des Spiels. [Nachtrag vom 10.12.: Mittlerweile ist das Spiel im Google Play Store mit einer Freigabe ab 6 Jahren gekennzeichnet.]
Among Us wurde im November 2020 mit dem Pädagogischen Medienpreis des SIN – Studio im Netz e.V. ausgezeichnet und hier wurde eine pädagogische Empfehlung ab 12 Jahren ausgesprochen. 
Die Grafik des Spiels ist im Comic-Stil gehalten, was die Leichenfunde weniger brutal aussehen lässt.
Gerade um das Spielprinzip und den Spaß am gemeinsamen Debattieren nachvollziehen und die Risiken der Nutzung des Textchats im öffentlichen Raum einschätzen zu können, ist ein Alter ab 10-12 Jahren empfehlenswert. 

Spielt man Among Us gemeinsam vor Ort, tritt der Gruppenspiel-Charakter direkt in Kraft, die Debatte um die Saboteure beginnt. In der Online-Variante versammeln sich die Überlebenden zum Spekulieren und Verteidigen im integrierten Chat. Da der text-basierte Chat während den Abstimmungen dafür vielen nicht ausreicht und sie auch während des Spiels direkt miteinander in Kontakt bleiben möchten, werden häufig gleichzeitig Sprach-Chats auf anderen Kanälen, wie Discord oder TeamSpeak benutzt.

  • Among Us kann in drei Varianten gespielt werden: Lokal mit Personen im gleichen WLAN, in einem privaten Raum (bei Erstellung erhält man einen generierten Code, der an alle Mitspielenden weitergeleitet wird) oder in einem öffentlichen Raum.
  • Unbedingt thematisieren sollte man mit den Kindern und Jugendlichen die verlockende Möglichkeit, wenn keine oder nicht genügend Freund*innen online sind, Spielrunden in öffentlichen Räumen zu starten. Dies kann bedeuten, dass Kinder mit einer Vielzahl von Benutzer*inen aus der ganzen Welt interagieren, die sie nicht kennen. Ein Alter wird innerhalb des Spiels nicht abgefragt.
  • Innerhalb des textbasierten Chats kann es zu Beleidigungen oder übergriffigen Anfragen kommen. Unangemessene Äußerungen können durch einen Filter zensiert werden, dieser funktioniert aber wohl nicht hundertprozentig.
  • Darüber hinaus hat auch der Host des Spiels die Möglichkeit, einzelne Spieler*innen zu entfernen. Diese Ausschlussfuntkion des Hosts sollte angekündigt und umgesetzt werden, wenn Mitspieler*innen beleidigend oder übergriffig werden. 
  • Gerade in öffentlichen Räumen sollte unbedingt darauf verzichtet werden, persönliche Daten, wie Klarname, Telefonnummer oder weitere Kontaktmöglichkeiten über soziale Netzwerke preiszugegeben. 

Einsatz in der pädagogischen Praxis:

Among Us trifft man derzeit überall im Internet und auf den verschiedenen Sozialen Netzwerken. Auch Kinder unter 10 Jahren haben wahrscheinlich schon von dem Spiel gehört oder spielen es selbst aktiv, aus oben genannten Gründen ist es aber für jüngere Kinder nicht empfehlenswert. Deshalb ist in der Arbeit mit Kindern eine Aufteilung in die Alterskategorien unter und über 10 – 12 Jahren sinnvoll.

Mit Kindern bis 10-12 Jahren:

Die Spiele-Klassiker Werwolf/Mord in Palermo/Mafia können natürlich wunderbar als Alternative in der Gruppe angeboten werden. Das Spielprinzip funktioniert auch in einer gemeinsamen Videokonferenz, in dem sich die Werwölfe/Mörder*innen und Detektiv*innen stumm per Zettel, die in die Kamera gehalten werden absprechen. 
Darüber hinaus lassen sich auch die Inhalte und Charaktere des Spiels aufgreifen, beispielsweise durch Comics, die selbst gezeichnet werden oder auch mit Programmen wie Comics Life 3, in denen Abenteuer erlebt werden können oder mit Knet- oder Bügelperlen-Figuren (die auch in Stop-Motion-Filmen oder mithilfe der Apps Puppet Pals HD oder ChatterKids zum Leben erweckt werden können).
Die Kinder können sich auch weitere Karten für das Spiel überlegen und diese mit der App Draw Your Game oder auch auf der Plattform Roblox als eigene spiel- und steuerbare Umgebung anlegen. 

Mit Kindern ab 10 – 12 Jahren:

Neben den oben vorgeschlagenen Methoden lässt sich Among Us natürlich auch mit den älteren Kindern und Jugendlichen zusammen spielen. 
Als gemeinsamer Einstieg kann Werwolf o.ä. Varianten mit wechselnden Spielleiter*innen, Detektiv*innen, Mörder*innen und Bürger*innen gespielt werden. Nach einer gemeinsamen Partie Among Us im privaten Raum lassen sich die Ähnlichkeiten und Unterschiede gemeinsam besprechen. Der Einsatz der verschiedenen Rollen, die diversen Strategien und nicht zuletzt die wahrscheinlich auftretenden Spannungen des Bluffens und Debattierens können hier gut reflektiert werden.
Among Us wurde auch sehr schnell Teil der Internet- und Meme-Kultur. Auch hier lassen sich gemeinsam kreative Bilder oder Videos erstellen. 

Fazit

Among Us ist derzeit bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt und kann auch im (medien-)pädagogischen Setting schön eingebunden werden. Vor allem kann durch das Aufgreifen dieses Spiels auch die zwischenmenschliche und oft nicht ganz einfache emotionale Verarbeitung des Betrügens und Verratens thematisiert werden. 
Die kreative Auseinandersetzung mit der Spiel- und Lebenswelt der Kinder gibt über das Spiel hinaus viele Anknüpfungspunkte in die medienpädagogische Praxis.

Ein Spiel dauert je nach Anzahl der Spieler*innen, voreingestellter Impostors und Diskussionsbedarf etwa 5 bis 20 Minuten.
Among Us kostet in der PC-Version rund 4€, für mobile Geräte gibt es auch eine kostenlose App. Empfehlenswert ist es, sich die App für rund 2,99 € zu kaufen, um das Spiel werbefrei nutzen zu können.

Links

– Among Us auf Steam, im App Store und Google Play Store.
Video-Trailer samt Jury-Bewertung des Pädagogischen Medienpreis 2020.
– Die US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez spielte und streamte nun bereits zum zweiten mal Among Us mit einigen Politiker*innen und Streamer*innen. Beim ersten Mal Mitte Oktober, um auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl aufmerksam zu machen, Ende November, um Spenden zu sammeln.

(Sonja Di Vetta, SIN – Studio im Netz)