Chatroulette: I got nexted!

Screenshot aus "chat roulette" von Casey Neistat

Aufmerksame (medienpädagogische) BeobachterInnen können das bestätigen: Ein wichtiges Kriterium eines Profils in einer Social Community ist die Freundeliste. Je mehr, desto besser, desto aktiver, desto interessanter die Person. Manchmal sind Prahlereien zu hören, dass 500, 800 oder mehr Feunde auf dem Profil eingetragen sind.

Irgendwann wird das Chatten und Pflegen des Profils bei facebook, wkw, lokalisten und Co. scheinbar so unspannend, dass die UserInnen auf Streifzug nach potentiell interessanten MituserInnen gehen. Wem das zu blöd oder mittlerweile auch zu öde ist, der hat die Möglichkeit mit Chatroulette ein wenig Action in die Chatterlethargie zu bringen.

Wie der Name vermuten lässt wird hier gechattet, via Video und Text. Mensch kann aber nicht beeinflussen mit wem – Roulette eben. Missfällt eine Person visuell, wird sie „genexted“. Diese Kategorisierung (so der sozialpsychologische Fachterminus) dauert nicht lange, nach maximal fünf Sekunden ist die Entscheidung gefallen und ggf. der Next-Button gedrückt, die nächste Person wird randomisiert angeboten. Das geht immer so weiter, bis zum optischen Treffer.

Bei meiner Proberunde aber wurde ich gleich bestraft. Etwa 80 Sekunden und bereits 15 genexteten ChatterInnen später wurde ich rausgeschmissen, ich wurde mindestens drei Mal gemeldet und musste 10 Minuten Pause machen. Sicherlich hat die Einrichtung des Melde-Buttons ursprünglich einen anderen Sinn gehabt, nämlich Perversen, von denen ich in meinem Probelauf zwei genexted habe, zumindest zeitweise die rote Karte zu zeigen. Es scheint sich aber auch die Chatiquette etabliert zu haben, als unattraktiv oder äußerlich nicht ansprechend eingestufte ChaterInnen die Möglichkeit zu geben, ein paar Wörter wechseln zu können. Nachdem ich nach meinem Rausschmiss etwas perplex war gewann diese Regel meine Symphatie. Denn das gibt den von dem idealtypischen Normaussehen abweichenden Menschen die Möglichkeit, ihr Selbstwertgefühl ein wenig vor der Demontage zu schützen.

Diese kleine Studie von Casey Neistat zeigt eindrucksvoll, wovon ich hier ansatzweise gesprochen habe. Nun sind weder er noch ich Heranwachsende, was mich zu der Frage führt: Kennen Kinder und/oder Jugendliche Chatroulette? Wenn ja, wie nutzen sie es, was denken und fühlen sie dabei? Bitte hören Sie sich doch mal um und geben bescheid, wir freuen uns auf Eindrücke.

Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Mario von Wantoch-Rekowski für medienpaedagogik-praxis.de
Mario von Wantoch-Rekowski Kurzbio
Mario von Wantoch-Rekowski zog es von Berlin nach Rheinland-Pfalz und er arbeitet hauptberuflich beim Landesfilmdienst RLP e.V.. Er studierte Medienkommunikation und kam über seine Studienschwerpunkte Medienpsychologie und -ethik zur Medienpädagogik. Neben seiner praktischen Arbeit versucht er sich auch immer wieder an neuen medialen Entwicklungen und deren möglichen medienpädagogischen Nutzen. Seine Schwerpunkte im Blog sind Medienpsychologie, Jugendschutz und (freie) Spiele.

13 Kommentare

  1. Uwe Klemm am 08.03.2010:

    Hallo,

    auf Chatroulette bin ich kürzlich aufmerksam geworden durch einen Beitrag in Breitband vom Deutschlandfunk: http://snipurl.com/upan2 . Die ersten eigenen Versuche – obwohl nicht ganz ohne Faszination – verliefen durchaus nach dem Muster dieses taz-Artikels: http://snipurl.com/upand. Gut ein Virtel der Zufallschatter waren onanierende Knaben, etliche ziemlich verloren wirkende einsame Existenzen, kichernde Teenies. Der Reiz verliert sich schnell – von daher wär ich skeptisch, was die Verbreitung unter Jugendlichen angeht. Aber: euer Beitrag wird Anlass sein, meine „Schäfchen“ diese Woche zu befragen – Ergebnisse dann später hier 🙂
    Uwe

  2. Mario von Wantoch-Rekowski am 08.03.2010:

    Hallo Uwe,

    schön, dass Du Deine „Schäfchen“ befragen möchtest. Wir freuen uns auf die Ergebnisse! Ein kleines Interview mit dem Erfinder von Chatroulette findest Du übrigens hier. Ist ganz nett, aber die eine oder andere Frage ist spiegelsymptomatisch etwas zu boulevardeque.

    Bis denne
    Mario

  3. waldmeista am 08.03.2010:

    halli,
    muss ehrlich sagen ich bin hier nur ueber die begriffe chatroulette und medienpaedagogik reingestolpert! macht ja nichts oder? ich hab viel ueber dieses ding gelesen, wollte mir das ganze dann auch mal gegen ohne dieses üble genexte! also erstmal kurz innehalten, was will die community? sachen die man nicht versteht aber die spass machen (rein visuell gedacht)! flugs eine fakewebcamapp gefunden, lustige filmchen bearbeitet und mich ins roulette begeben! hey, das war lustig! ich hatte einen film mit einem hund mit echten armen (youtube kann manchmal auch nuetzlich sein) und hab ueber eine stunde lang nur lachende gesichter bzw erfreute kommentare bekommen (ok maennliche koerperteile die zudem noch mit einer extremitaet beschaeftigt werden mal ausgeschlossen)! ich werde es wieder so machen, das naechste mal! habe meine sammlung interessanter visueller eindruecke schon aufgestockt (ohne die in klammern erwaehnten zu bedienen)!

  4. Maximilian am 10.03.2010:

    Hallo,

    ein wirklich gelungener Artikel.
    Ist schon der Wahnsinn, was Chatroulette da für einen regelrechten Hype ausgelöst hat.
    Ich probierte die Seite letztens auch aus und habe einen entsprechenden Artikel hierzu verfasst.
    Wenn man die Teilnehmer mal analysiert,dann erkennt man, dass circa 80 Prozent aller männlichen Geschlechts sind.
    Das sollte einem schon zu denken geben.
    Auch stößt man circa jedem dritten auf pornographische Inhalte. Das ist dann doch ziemlich abstoßend.

    Viele Grüße,
    Maximilian

  5. Mario von Wantoch-Rekowski am 10.03.2010:

    Hallo waldmeista, hallo Maximilian,

    habt Dank für eure Kommentare. Ich habe meine kleine Testphase auch mit gemischten Gefühlen erlebt. Zum einen, wie beschrieben, sind mir die NutzerInnen zu sehr fixiert auf das äußere Erscheinungsbild. Zum anderen, und das ist der wichtigere Punkt, scheint es für sehr viele Leute unheimlich toll zu sein in ihrem Gegenüber ein Ekelgefühl zu wecken. Und da fragen sich manche allen Ernstes woher die sog. Generation Porno kommt. Tja, vom Himmel ist sie nicht gefallen!

    Aber zum Glück gibt es ja noch einige aufmunternde und amüsante Filme über kleine Experimente mit und/oder bei Chatroulette.

    Grüße
    Mario

  6. Eike Rösch am 13.03.2010:

    Naja, auch wenn es nicht unproblematisch ist – für mich ist Chatroulette der Inbegriff der Faszination von Chats, vor allem für Jugendliche: Mit einem Klick kann ich Menschen auf der ganzen Welt kennenlernen.
    Wegen des hohen Perverso-Faktors ist das Angebot momentan nur was für starke Persönlichkeiten. Wenn es den MacherInnen gelingt, den Faktor zu senken, dann wird das einfach eine tolle Sache, finde ich.

  7. Peter am 18.03.2010:

    @Eike:
    Ich befürchte, dass das von Anbieterseite kaum zu unterbinden sein dürfte. Die in meinen Augen einzige praktikable Lösung wäre, die Seite nur nach vorheriger Anmeldung nutzen zu können, wodurch wahrscheinlich zu viel Anziehungskraft verloren ginge.

    Was einem bleibt, ist, Alternativen zu suchen. Auf http://www.chathopper.com scheint es derzeit noch weit weniger Perverse zu geben und auch der Männeranteil ist geringer. Hier kann man auch mal längere Chats führen, ohne gleich in die Sauerei abrutschen zu müssen.

  8. Uwe Klemm am 24.03.2010:

    Nettes Chatroulette-Produkt, das den Glauben an die Menschheit wiederherstellen könnte:
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,685374,00.html

    Enjoy,
    Uwe

  9. Mario von Wantoch-Rekowski am 25.03.2010:

    Ja, das lief auch über unseren Twitter-Stream. Eine klasse Idee hervorragend umgesetzt. Mir war ein breites Grinsen ins Gesicht geschrieben. So schlagfertig muss mensch erst einmal sein um on-demand freestylen zu können und eine Melodie dazu zu finden.

  10. larissa am 07.04.2010:

    @mario: da muss ich dir zustimmen. man muss wirkich extrem gut sein, um so spontan agieren zu können.

    @peter: hab mir die seite mal angeschaut. was ich nett finde ist, dass man einen nickname angeben kann ohne sich anmelden zu müssen. wenigstens ein kleiner unterschied zum „original“.

  11. Uwe Klemm am 19.04.2010:

    Hallo,

    vor längerer Zeit hab ich versprochen, mich mal bei meinen Schülern umzuhören. Hat gedauert, aber jetzt ist es vollbracht 🙂
    Gefragt hab ich Schüler aus 3 Oberstufenkursen in 2 Schulen. Nicht repräsentativ, aber sehr aufschlussreich: Kaum jemand kannte Chatroulette (1-3 je Kurs). Wenn sie es kannten, dann nicht über jugendliche Subkultur, sondern über die Medien. Von den Wenigen hatten noch weniger eigene Erfahrungen- und von den Erfahrenen war keiner so angetan, dass er erste Versuche wiederholt hat. Wohlgemerkt: Die Schüler kommen nicht von hinterm Mond und sind ansonsten durchaus netzaffin!
    Bestätigt meinen Verdacht, dass es sich mal wieder um einen Medienhype handelt, der mit tatsächlicher Netznutzung auch unter Jugendlichen nicht sooo viel zu tun hat. Erinnert ein wenig an ähnliche, durch Medien gepushte Hypes: Second Life, GoogleWave usw. Wer nicht darüber berichtet, gehört nicht dazu – scheint immer mal wieder ein sich selbst verstärkendes Phänomen zu sein 🙂 Zeigt sehr schön, dass Medien auch ein selbstreferentielles System sind.

  12. Mario von Wantoch-Rekowski am 19.04.2010:

    Super, vielen Dank für Deine Studienergebnisse. Ich bin gerade an einem Jugendclub dran, die Jugendlichen dort scheinen chatroulette rege zu nutzen. Sowie ich Genaueres weiß, hier mehr!

  13. larissa am 21.04.2010:

    @uwe:

    auch ich danke dir für diese ergebnisse!

    @ mario:

    bin schon gespannt was du berichten wirst!

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