Lernvideoproduktion am Tablet – Vom Screencast zur Greenscreen-Technik (Handbuch Making-Aktivitäten)

Im Projekt „Ich zeig es Dir – hoch 2“ wurde Kindern zunächst von unterschiedlichen Expertinnen und Experten Varianten der Lernvideoproduktion gezeigt. In einem zweiten Schritt wurden Workshops zur Lernvideoproduktion für Gleichaltrige (und Eltern) angeboten und durchgeführt.

Setting Offene Jugendeinrichtung, auch im Schulunterricht denkbar (z.B. im Rahmen von Projekttagen)
Dauer 5 Einheiten von je 2 Stunden sowie weitere Termine für das freie Arbeiten sowie für Peer-Workshops
Zielgruppe 8 bis 12 Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 12 Jahren mit Interesse an der Videoarbeit
Zielsetzung Interesse an der kreativen Videoarbeit wecken, Grundlagen der Video- und Filmproduktion vermitteln
Notwendige Ausstattung Technik: WLAN, 4 bis 6 Tablets (in unserem Fall iPads) mit diversen Apps (u.a. Stop-Motion-, Schnittprogramm-, Green-Screen-App), Stative mit Befestigung für die Tablets, ein Computer (z.B. zum Bearbeiten der Informationen bei YouTube und für die Weblogbeiträge, in Einzelfällen auch für den Schnitt bzw. die Nachbearbeitung), Beamer und Lautsprecher zur Präsentation von Videos. Hilfreich war auch ein gemeinsamer virtueller Ordner (Dropbox) für alle iPads bzw. den Computer. Für den Workshop zur Grünwandtechnik wird ein großer grüner Filz benötigt, für die anderen Videos z.B.Papier; Stifte, Figuren.
Aufwand Hoch: Es werden 4 bis 6 Tablets benötigt, ggf. weitere Expertinnen und Experten

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Vorbereitung

Das Filmen, der Schnitt und die Veröffentlichung von kurzen (Lern-)Videos ist mit Tablet-Computern keine ganz große Kunst mehr. Für Einsteiger/innen gibt es aber dennoch viel zu lernen. Für das medienpädagogische Praxisprojekt „Ich zeig es Dir – hoch 2“ (kurz IZED2), bei dem 9- bis 12-Jährige Lernvideos mit iPads produzieren, haben wir daher nach einem allerersten simplen Einstieg in die Videoproduktion mit dem iPad gesucht, wobei uns befriedigende Ergebnisse wichtig waren. Wir verwendeten das iPad, da die grundsätzliche Ausstattung vorhanden ist und es ein großes Display hat. Ähnliche Apps gibt es aber auch (tw. zukünftig) für Android Tablets oder Smartphones. Uns geht es nicht darum, Kinder auf ein bestimmtes Gerät oder eine bestimmte App hin zu trainieren, sondern prinzipiell zu zeigen, wie es geht. Auch weil wir davon ausgehen, dass fast jedes Kind in einigen Jahren ein eigenes Smartphone haben wird oder zumindest eines verwenden kann. Das Modellprojekt wurde vom BIMS e.V. durchgeführt und mit Mitteln aus dem Programm peer3 kofinanziert.

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Ablauf

Von Oktober 2012 bis Anfang Februar 2013 wechselten sich beim Projekt „Ich zeig es Dir – hoch 2“ Workshops mit Projektarbeit ab, d.h. im wöchentlichen Wechsel gab es Informationen und Übungen von Expertinnen und Experten, wobei eine Woche darauf zwei Stunden lang frei an den Projekten gearbeitet werden konnte. Bei den Workshops drehte es sich dabei um das Persönlichkeits- und Urheberrecht, die gute Gestaltung von Lernfilmen, ein Sprechtraining, den Schnitt, den Trickfilm an sich und weiteres.

Methodisches Kernstück ist dabei ein Peer-to-Peer-Ansatz, d.h. die aktuellen Teilnehmer/innen leiteten im Frühjahr 2013 Veranstaltungen mit und für andere Kinder und Jugendliche. Dazu wurden andere eingeladen bzw. aufgesucht, so beispielsweise Jugendliche im „Haus der Jugend“. Das „hoch 2“ im Titel bezieht sich auf diesen doppelten Ansatz: Jugendliche erstellen Lernmaterialien, vermitteln das Know-how und zeigen dies auch anderen Jugendlichen. Erfahrungen aus dem Ansatz „Lernen durch Lehren“ zeigen, dass hier sowohl die Produzierenden als auch die Betrachtenden eines solchen Angebots Lernerfolge haben: Oft gelingt es Jugendlichen, die sich gerade erst einen neuen Stoff angeeignet haben, sich für Gleichaltrige verständlicher auszudrücken, als eine vergleichsweise professionelle Lehrkraft.

Im Projekt wurden sechs Workshops durchgeführt, die in der Regel aus einem Input und Übungen mit Expertinnen und Experten bestand und nach ca. einer Stunde eine weitere Stunde offenes Arbeiten an Lernvideos umfasste. Im Anschluss wurden Workshops für Peers, also Gleichaltrige, aber auch Erwachsene angeboten.

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Zu allen Einheiten gibt es die Unterlagen und eine Dokumentation im Projekt-Weblog. Hier wird grundlegend beschrieben, wie die Einführung beim ersten Treffen zum Screencast ablief, wie die dazu genutzte App funktioniert und wie man die Grünwandtechnik ausprobieren kann.

Zunächst zur App für Screencasts am Smartphone oder Tablet: Mit der App „Explain Everything“ kann nicht nur ein Film von einer x-beliebigen Aktion am iPad gemacht werden, sondern es können Texte, Zeichnungen und Ton in der App aufgenommen werden. Es wird alles gespeichert und aufgenommen, was man sagt bzw. auf den leeren Seiten schreibt oder malt. Was die App besonders attraktiv aus Lernvideo-Einsteiger/innen-Sicht macht, ist, dass „seitenweise“ aufgenommen wird und Aufnahmen auch immer wieder neu gemacht oder erweitert werden können. Man schreibt beispielsweise auf der ersten Seite den Titel des Lernvideos und sagt dazu, um was es geht. Auf den weiteren Seiten schreibt, malt und spricht man über den eigentlichen Lerninhalt. Auch die Reihenfolge der „Seiten“ inkl. der damit verbundenen Videos (oder Audios, wenn man nur z.B. spricht) lässt sich nachträglich verändern. Es klingt hier geschrieben mit Sicherheit komplizierter und weniger eingängig, als es ist. Besonders interessant ist, dass man nicht auf leeren weißen Seiten arbeiten muss, sondern auch eine vorbereitete Präsentation (PDF, Powerpoint oder Keynote) verwenden kann. Beispielsweise eine PDF-Datei mit einer Titel- und einer Abspannseite. Nutzt man eine solche Vorlage, schaut das Ergebnis schnell recht professionell aus.

Im ersten Workshop wurde dann wie folgt gearbeitet: An einem iPad, das an einem Beamer angeschlossen ist, so dass alle gut nachvollziehen können, was gerade passiert, wird gemeinsam ein kurzes Lernvideo mit Hilfe der Screencast-App „Explain Everything“ aufgenommen. Damit das Ganze auch professioneller wirkt, wird mit einer Vorlage gearbeitet, die für den Vor- und Abspann das Logo des Projekts und Hinweise zum Projekt und zur Lizenz enthält. Als das Ergebnis dann das erste mal – am Beamer – gemeinsam „am Stück“ angeschaut wird, sind dann alle verblüfft und auch erstaunt, wie man auf die Schnelle Tolles auf die Beine gestellt hatte.

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Für den Workshop zur Grünwandtechnik staunten die Teilnehmer/innen über den großen grünen Filz der, raumbreit und bodenlang, auf eine lange Holzlatte gepinnt war und zwischen zwei Regalen hing. Dies ist wohl die kostengünstigste Variante für den notwendigen grünen Hintergrund. Nach einer kurzen Einführung und Video-Beispielen zum Einsatz der Grünwand-Technik, wurden gleich wichtige Voraussetzungen für gelungene Produktionen erklärt: Einerseits ist ein grüner, nicht reflektierender Hintergrund ohne Wölbungen und Falten notwendig (für Aufnahmen von ein bis zwei Kindern war unser 3 mal 4 Meter großer Filz ausreichend). Anderseits sollte bei Oberkörperaufnahmen von Kindern auch ein kleineres Stück Filz (1,5 mal 1,5 m), beispielsweise auf eine Pinnwand gespannt, ausreichend sein. Außerdem muss die Szene gut ausgeleuchtet sein.

Ziel der Greenscreen-Technik ist es, eine Person oder einen Gegenstand vor einen beliebigen Hintergrund zu setzen, quasi „an jeden Ort der Welt“ zu schicken, vorausgesetzt natürlich, man hat ein Bild oder Video davon. Schnell war den Teilnehmerinnen und Teilnehmern klar, dass man durch diese Technik die Möglichkeit besitzt, Bilder zu präsentieren, die in Wirklichkeit gar nicht möglich sind. Gearbeitet wurde mit der App „Green Screen Movie FX Studio“. Alternativ könnte man die App „Green Screen Mobile Effects“ (iPhone-App) verwenden (für Standbilder im Hintergrund). Da die App einige Hintergründe vorinstalliert hat, wurden drei Themen zur Bearbeitung vorgegeben: ein Bericht über den Eiffelturm, den Mount Everest oder die Niagara-Fälle. Zu diesen Themen wurden kurze Texte für die Sprecherin und den Sprecher des Berichts ausgeteilt, damit sich die Teilnehmer/innen voll auf die Erstellung des Videos konzentrieren konnten.

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Im Anschluss an die Workshops mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden drei Video-Workshops für Gleichaltrige geplant, beworben und durchgeführt. Zum Abschluss des Projekts wurden ausgewählte Videos den Eltern und weiteren Interessierten vorgeführt. Dabei stellte sich der Oberbürgermeister als Filmobjekt zur Verfügung, und dank des Einsatzes der Greenscreen-App kam es zur (damals) launigen Schlagzeile im lokalen Nachrichtenblatt: „Oberbürgermeister explodiert vor dem Eiffelturm“.

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Mögliche Varianten und Ergänzungen

Beim Modellprojekt waren wohl Dinge möglich, die sonst nur schwer zu organisieren bzw. auch zu finanzieren sind, z.B. ein Sprechtraining mit einem Radiomoderator oder einer Radiomoderatorin. Jederzeit ist es jedoch denkbar, einzelne Workshops und Themen herauszugreifen und zu kombinieren. Dabei sind jedoch wohl auch ggf. längere Einarbeitungsphasen (oder auch Kennenlernphasen) notwendig.

Im Modellprojekt hat es sich zudem um Lernvideos gedreht – das spricht sicher nur einen Teil der Kinder und Jugendlichen an. Dennoch waren die Teilnehmer/innen dankbar, dass es sich um Lernvideos handelte (!), „weil sie nur deshalb kommen durften“. Abschließend wollten die Teilnehmer/innen jedoch unbedingt einmal ein „cooles“ Video drehen, das kein Lernvideo ist (siehe Projektbeschreibung „Monster in der Kurstadt“).

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Tipps und Tricks

Die Dauer der Workshops war auf zwei Stunden festgelegt, und erfahrungsgemäß war das auch die Zeit, in der ein konzentriertes Mitarbeiten mit den Expertinnen und Experten sowie die Freiarbeit gut gelang. Da die Tablets auch attraktive Spielgeräte sind und teils Spiele installiert waren, wurden diese, auf Initiative der Teilnehmer/innen selbst (!), in der Phase von Einführungen oft ausgeschalten und zur Seite gelegt.

Die Tablets (iPads) konnten bei der Projektdurchführung vergleichsweise kostengünstig ausgeliehen werden und waren dabei auch versichert. Insbesondere in größeren Städten sollte die Ausleihe/Miete gut möglich sein.

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Raum für kreatives Gestalten

Gerade bei den Einführungen von neuen Apps und Techniken wurden vorbereitete Materialien, d.h. Vorlagen und Drehbücher genutzt, um tatsächlich schnell erste Lernvideos erfolgreich zu erstellen und Erfolgserlebnisse zu generieren. In der Freiarbeit stand es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern frei, Lernvideos zu konzipieren und zu produzieren. Oft setzen sich dazu mehrere Kinder zusammen und regelmäßig drehte es sich um Schulstoff, z.B. als bei drei Kindern ein Test in Geographie anstand. Allerdings waren die Teilnehmer/innen hier oft dankbar für Anregungen, wie z.B. „Was kannst du denn besonders gut und was kannst du davon gut anderen zeigen oder erklären?“.

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Weitere Materialien dazu


cover_handbuch_klein Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Making-Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen. Handbuch zum kreativen digitalen Gestalten“ (herausgegeben von Sandra Schön, Martin Ebner und Kristin Narr, März 2016). Das Buch steht seit 1.3.16 komplett als PDF offen lizenziert zur Verfügung (http://bit.do/handbuch) und ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich (ISBN 9783739236582). Das Handbuch entstand im Rahmen einer Kooperation des BIMS e.V., der Technischen Universität Graz, von Kristin-Narr.de, des Medienpädagogik Praxisblog, des fsm e.V. und seinem Projekt „Medien in die Schule“ sowie mit Unterstützung der HIT-Stiftung.

Dieser Artikel steht unter der CC BY 3.0 Creative Commons Namensnennung 3.0 international . Die Namen der Autor_innen sollen wie folgt genannt werden: Sandra Schön, Gerald Geier, Martin Ebner für medienpaedagogik-praxis.de
Sandra Schön Kurzbio
ist Senior Researcher bei Salzburg Research (Abt. InnovationLab), leitet regelmäßige Praxisprojekte beim BIMS e.V., studierte Pädagogik, Psychologie und Informatik an der LMU München (M.A./Dr. phil.). Interessensschwerpunkte: Offene Bildungsressourcen (OER), Lernvideos, Videoarbeit, Maker Movement, Partizipation. Mehr im Weblog: http://sandra-schoen.de.

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