App in die Geschichte

Geschichte begegnet uns in Städten überall – in dem Denkmal, an dem wir vorbeigehen, in Straßennamen, Gebäuden, Brücken und Plakaten. Als historische Lernorte gelten eigentlich nur Orte, an denen Geschichte erklärt wird. Wie wäre es aber, wenn plötzlich jeder historische Ort zu einem Lernort wird?

Mobile Endgeräte machen dies möglich. Sie bieten Werkzeuge, um auch die Geschichte der Orte, an denen ich mich befinde, zu erkunden und zu untersuchen. Über eine Internetverbindung lassen sich zusätzliche Informationen abrufen – unabhängig davon, ob andere den Ort für so wichtig halten, dass sie dort zum Beispiel einen Informationstext angebracht haben. Das war der erste der beiden Ausgangspunkte für die Konzeption der GeschichtsApp.

Der zweite war die Überzeugung, dass in den lokalen und regionalen Archiven Schätze schlummern, die ihren Weg bislang nicht zu Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern gefunden haben. Die Digitalisierung macht dies aber möglich. Sie kann eine Brücke bauen zwischen Archiv und Schule. Ein Digitalisat ist kein Original. Dennoch bietet es mehr Informationen als die transkribierten Quellenauszüge in den Schulbüchern. Aber wie lässt sich mit digitalisierten Quellen lernen? Und wie lassen sich mobiles Geschichtslernen und Quellen-Digitalisate zusammenbringen?

Die Geschichte der eigenen Stadt mit Quellen spielerisch entdecken

Die App in die Geschichte ist der erstmalige Versuch, mobiles Lernen mit digitalisierten Quellen aus Lokal- und Regionalarchiven zu verbinden, besonders für den schulischen Geschichtsunterricht eine Anwendung dafür zu entwickeln und diese kostenlos als Open Educational Resource zur Verfügung zu stellen.

Es handelt sich dabei um den einsatzfähigen Prototypen einer WebApp, die den Nutzern fünf zentrale Funktionen bietet:

  • eine ohne Anmeldung nutzbare Datenbank mit aktuell fast 80.000 digitalisierten Quellen unter PD- oder CC-Lizenz, mit der Möglichkeit für Archive ihre Digitalisate darüber für Schulen zur Verfügung zu stellen;
  • ein Verortungsspiel (mapping game), bei der Nutzer Orte von alte Aufnahmen im heutigen Stadt- und Landschaftsbild finden muss, diese fotografiert und auf einer Karte verortet. Je genauer die Perspektive des Originalbilds getroffen ist, desto mehr Punkte kann er von seinen Mitspieler für das neue Foto bekommen;
  • ein Verschlagwortungspiel (tagging game), bei dem man allein oder gegen eine/n Mitspieler/in die Digitalisate verschlagwortet und für richtige Schlagworte je nach Schwierigskeitsstufe Punkte erhält;
  • eine Funktion zur Erstellung digitaler Zeitleisten, die neben den Quellen aus dem Archiven auch die Einbettung von Text, eigenen Fotos, Audio- und Videodateien erlaubt;
  • die Punkte, die Spielerinnen und Spieler im Mapping und Tagging Game erhalten, werden addiert und die besten 30 Spieler werden global in einer Highscore angezeigt.

Kooperationen von Archiven, Museen und pädagogischen Einrichtungen

Unabhängig ob im schulischen oder außerschulischen Kontext ist es für pädagogische Einrichtungen sinnvoll für die Nutzung der GeschichtsApp mit einem lokalen oder regionalen Archiv oder Museum zu kooperieren. Notwendig sind digitalisierte Quellen aus dem Ort, an dem sich die Nutzerinnen und Nutzer befinden. Sowohl das Verortungs- wie auch das Verschlagwortungsspiel sind darauf ausgelegt, dass Kinder und Jugendliche ihren Nahraum erkunden, ihn mit anderen Augen sehen, seine Geschichtlichkeit entdecken und beginnen Fragen zu stellen. Die eigenen Fragen können dann Ausgangspunkt von vertieften Recherchen zur Geschichte und einer abschließenden, medial in vielfältigen Formen denkbaren Erzählung sein.

Bei App in die Geschichte handelt es sich um eine browserbasierte Web-Applikation oder WebApp. Die Darstellung ist je nach genutztem Gerät optimiert. Vorteil ist, dass die Anwendung so unabhängig vom Betriebssystem und von der Art des Endgeräts nutzbar und keine Installation notwendig ist, was besonders für den schulischen Bereich den Einsatz vereinfacht.

Gleichfalls im Sinne der Nutzung durch Kinder und Jugendliche ist die für die Spiele notwendige Anmeldung minimal gehalten. Erforderlich sind nur ein selbst gewählter Name sowie ein Passwort. Anschließend lässt sich die WebApp nutzen. Weitere Daten werden von den Nutzern nicht abgefragt. Alternativ können Pädagogen über das Content Management System Lerngruppen anlegen und für Lernende dort Zugangsnamen und Passwörter automatisch generieren lassen.

Entwicklung und Ausblick

Entwickelt wurde das Angebot durch eine Arbeitsgruppe mit der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie gGmbH (INA) an der Freien Universität Berlin, der Fachberatung Geschichte im Schulaufsichtsbezirk Koblenz sowie vier beteiligten Archiven. Die vorhandenen Funktionen bilden nur einen Teil des Gesamtkonzepts ab.

Weitere Funktionen, die angedacht waren und besonders Möglichkeiten des digital storytelling bieten sollten, konnten mit der ersten Finanzierung noch nicht umgesetzt werden. Die GeschichtsApp hat einen stark explorativen Charakter, was Didaktik und Umsetzung angeht. Die vorliegende Version wurde in weniger als einem Jahr entwickelt und umgesetzt. Im Sinne eines perpetual beta sind Rückmeldungen, Kritik und Verbesserungsvorschläge durch die Nutzerinnen und Nutzer sind ausdrücklich erwünscht. Deren Umsetzung und die Weiterentwicklung der WebApp hängen allerdings von neu zu erschließenden Finanzierungsmöglichkeiten ab.

Die App in die Geschichte findet sich unter: http://app-in-die-geschichte.de/

Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Daniel Bernsen für medienpaedagogik-praxis.de
Daniel Bernsen Kurzbio
Lehrer am Eichendorff-Gymnasium Koblenz und Fachberater für Geschichte im Schulaufsichtsbezirk Koblenz. Bernsen bloggt seit 2009 zum Geschichtsunterricht unter: http://geschichtsunterricht.wordpress.com

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