Position: Scheitert Medienpädagogik im Social Web?!

Facebook in der Medienpädagogik

Foto: Maik Meid (@frnetz)

Freundschaftsanfrage auf Facebook? Abgelehnt. Woche für Woche das gleiche Spiel. Nein, nicht ich versuche Kontakt zu irgendwelchen Stars und Sternchen aufzunehmen, sondern Medienpädagogen und Sozialarbeiter demonstrieren mir gegenüber ihr Unvermögen. Sie sind bei Facebook, soweit in Ordnung. Aber sie waren anscheinend nicht in der Lage die Allgemeinen Geschäftsbedingungen erschöpfend zu lesen und zu verstehen. Sie haben für ihre Organisation oder Einrichtung keine Seite angelegt, sondern ein Personenprofil. Setzen, sechs.

Nicht, dass sie alles falsch machen würden. So schlimm ist es nicht. Aber man wird doch wohl erwarten können, dass sie sich vorbildlich an Recht und Regeln halten. Wer wenn nicht jene, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und dabei auf digitale Instrumente nicht mehr verzichten können? Wer wenn nicht jene, die tagtäglich junge Menschen auf die Chancen und Gefahren hinweisen, damit diese einen bewussten und angemessen Umgang mit Social Media finden?

Mittlerweile – und das auch schon seit gut einem Jahr – gibt es die Möglichkeit den Fehler eines Personenprofils für Organisationen zu korrigieren (Medienpädagogik Praxis-Blog-Artikel hier). Warum tut es denn kaum jemand? Spätestens seit vor einigen Wochen die Funktionen von Facebook-Seiten für Organisationen und Unternehmen überarbeitet wurden, gibt es keinen Grund mehr auf einem falschen Profil zu bestehen. Auch das gelegentlich ins Feld geführte Argument, dass man die Möglichkeit eines nicht-öffentliches Austausches mit Klienten wahrnehmen will, hat keine Berechtigung mehr. Denn eben dieses Nachrichtensystem wurde auch für Seiten eingeführt.

Aus Gesprächen mit verschiedenen Einrichtungen weiß ich, dass der nicht-öffentliche Austausch zwischen Klienten und einer Facebook-Seite ohnehin kaum stattfindet. Stattdessen werden die Sozialarbeiter über ihr persönliches Profil kontaktiert. Ich wundere mich doch sehr, wenn ich Diskussionen zur Frage beiwohne, ob man die Freundschaftsanfragen von Klienten bestätigen darf. Reality-Check: Wenn Sie außerhalb der Arbeitszeit Klienten auf der Straße, beim Einkaufen, im Bus oder Zug treffen – würden Sie so tun als kenne man sich nicht und bei einer versuchten Kontaktaufnahme wortlos umdrehen?

Anhand der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten stellt sich diese Frage in sozialen Netzwerken einfach nicht. Ob nun bei Facebook oder Google+, es ist möglich die eigenen Einstellungen anhand von Listen oder Kreisen so anzupassen, dass man bei jeder Veröffentlichung bewusst entscheiden kann, welchen Personengruppen eine Statusmeldungen sehen und damit interagieren dürfen. Das Pflegen entsprechender Listen ist ein dauerhafter Aufwand und ebenso verlangt jede Statusmeldung die Zeit zur bewussten Entscheidung über die Zielgruppe einer Veröffentlichung. Was es dafür braucht, ist die Auseinandersetzung mit den zur Verfügung stehenden Einstellungen und Funktionen für Privatsphäre sowie den Willen diese regelmäßig anzuwenden. Genau das ist es, was Jugendlichen vermittelt und von ihnen erwartet wird, bevor sie sich mit Kollegen oder ihrem Arbeitgeber vernetzen.

Das Social Web ist heute keine Neuheit mehr. Es kommen zwar gelegentlich weitere Instrumente hinzu, doch der Rahmen ist im wesentlichen gleich geblieben. Heute sind soziale Medien fest im Alltag der Jugendlichen verankert und somit auch zwingender Bestandteil medienpädagogischer Arbeit. Sie hatten nun einige Jahre Zeit sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Jetzt ist die Zeit des Ausprobierens und Lamentierens vorbei – ab jetzt bitte ordentlich.

Medienpädagogen müssen im Netz gute Vorbilder sein. Sind sie aber nicht.
 Bitte belehren Sie mich eines Besseren.

Dies ist ein Gastbeitrag von Jörg Eisfeld-Reschke. Der Autor ist Gründer von ikosom, dem Institut für Kommunikation in sozialen Medien. Seine ersten Berührungspunkte mit Medienpädagogik hatte er in den frühen 2000ern als Trainer im Bereich der Jugendbildung (insb. Jugendmedien und Jugendbeteiligung). Heute berät er Unternehmen und soziale Organisation bei der Entwicklung von Kommunikationsstrategien im Social Web.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der medien+erziehung 2012/03.