Videospiele in den Zirkus

(Wie) passen Computerspiele und damit Medienpädagogik in den Zirkus? Zirkusnummern arbeiten mit Bewegungsabläufen, Choreographien, Verkleidungen (Identitäten) und Geschicklichkeits-Tricks der Artisten. Diese Aspekte spielen auch in vielen Computerspielen eine wichtige Rolle, deshalb haben wir diese beiden Welten kombiniert. Dabei sollte auf spielerische Weise die Kluft zwischen virtueller und gegenständlicher Realität in Frage gestellt werden und zwar in einem Bereich (Zirkuspädagogik), in dem Computerspiele bislang nur sehr wenig Beachtung gefunden haben.

Im Rahmen des Zirkusfestival „Zirkuslust“ haben wir es ausprobiert. Zirkuslust ist ein offenes Angebot für Kinder in den Pfingstferien in München. Diese sollen innerhalb eines Ferientages Kunststücke lernen, die sie Abends bei einer Vorstellung vorführen. Hierbei gibt es unterschiedliche „Module“, z.B. Stelzen Gehen, Akrobatik, Zauberei usw. Für 2011 wurde dieses bewährte Konzept um zwei medienpädagogische Module erweitert, von denen eines hier beschrieben wird.

„Little Big Circus“ basiert auf dem Jump and Run „Little Big Planet 2“. Hier beschreiben wir unsere Herangehensweise, Erfahrungen und Erkenntnisse beim Projekt und zeigen natürlich die Ergebnisse.

Ergebnisse

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In der Mittagshitze warten über hundert Kinder ungeduldig auf die Vorstellung der verschiedenen Zirkusworkshops. Ein als Prinz verkleideter Medienpädagoge tanzt und steuert gleichzeitig eine Spielfigur auf einem Bildschirm. Ein paar Kinder sind interessiert und melden sich für diese Gruppe. Sie haben 2,5 Stunden um sich eine Vorführung im Spiel Little Big Planet 2 zu überlegen, einzuüben und mit einer zweiten Artistengruppe abzustimmen. Denn gemeinsam werden sie vor Publikum auf der Bühne vor und auf der Leinwand Kunststücke vorführen. Die Zeit läuft.

Insgesamt 11 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren haben an drei Tagen „Sackboys“ (die Spielfiguren in Little Big Planet 2) durch ein eigens erstelltes Zirkuslevel gesteuert.

Ziele

  • Kinder und Jugendlichen einen eigenständigen, kreativen und selbst gestaltenden Zugang zu einer Spielform anbieten, die für viele selbstverständlicher Teil ihres Lebens ist, den Computerspielen.
  • Dabei soll das Modul den „Zirkus“-Charakter nicht verlieren (kein Playback sondern Live-Auftritt).
  • Computer-Spieler mit den Bewegungsformen im Zirkus vertraut zu machen.
  • Stärkung sozialer Fähigkeiten durch die der Entwicklung einer Zirkusnummer und -vorstellung im Team.
  • Für uns Veranstalter war es ein Experiment: Funktioniert das Zusammenspiel von Medien(pädagogik) und Zirkus(pädagogik)?

Genutzte Medien

  • Little Big Planet 2 ist ein sehr gelungenes Jump and Run. Das besondere ist der extrem mächtige, aber auch einfach zu bedienender Editor. Mit diesem können eigene Level und sogar ganz eigene Spiele erstellt werden. Erstellte Levels können online auf www.lbp.me mit anderen geteilt werden. Viele der in den anderen Levels enthaltenen Gegenstände kann man wiederum für die eigene Levelkonstruktion nutzen. Somit ist die Ästhetik und Spielweise des Spiels ist an die Zirkusthematik anpassbar.
  • Little Big Planet kann von bis zu vier Personen gleichzeitig gespielt werden. Die Spielfiguren können nicht nur normal bewegt werden, sondern man kann auch die Arme der Figuren steuern, den Kopf neigen und Grimassen schneiden. So können sich ein realer und ein virtueller Protagonist zuwinken oder sogar gemeinsam tanzen.
  • Little Big Planet 2 gibt es nicht für PCs sondern nur für die Konsole PS3. Wir haben für das Projekt eine Finanzierung der „Mediengelder“ bekommen. Nach einer kurzfristigen Anfrage hat uns Sony (Ansprechpartner) die Hardware aber freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. Dabei war die Kooperation mit Sony völlig unproblematisch. Es wurden keinerlei Vorgaben gemacht, wie wir vorzugehen hätten.
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Vorbereitung

Beim Ausprobieren von Little Big Planet 2 hat sich gezeigt, dass die 2,5 Stunden des Workshops für die Kinder nicht reichen würden, um

  • zu verstehen wie das Spiel sowie das erstellen eines Levels funktioniert,
  • den Level zu bauen
  • eine Zirkusnummer zu konzeptionieren
  • und dann noch einzuüben.

Daher haben wir uns entschieden einen eigenen Level speziell für Zirkusvorführungen selbst zu erstellen (Link zum Level).

Der im Spiel enthaltene Editor ist sehr mächtig, aber einfach zu bedienen. Trotzdem hat das Einarbeiten in das Programm und das Erstellen des Levels einige Zeit benötigt. Daher haben wir hier praktische Tipps zu Little Big Planet 2 zusammengestellt, wie man sich bei der Arbeit mit Little Big Planet 2 möglichst viel Arbeit erspart. So kann man einen Teil der über sechs Millionen von Spielern erstellten Levels kopieren und anpassen.

Ablauf des Workshops und der Aufführung

  • Ausprobieren des Levels an drei Konsolen.
  • Die Teilnehmer verkleiden sich und die Spielfiguren
  • Eine Gruppe von bis zu vier Kinder steuert die Spielfiguren, eine zweite Gruppe führt parallel dazu Kunststücke vor der Leinwand auf
  • Kunststücke waren z.B.
    – Tanzschritte, die erst in der Realität, anschließend im Spiel eingeübt und dann parallel aufgeführt wurden.
    – Während die Spielfiguren eine flammenden Grube im Spiel überwinden springen die Kinder durch einen realen Reifen der mit Textilflammen umgeben ist
  • Damit die Kunststücke der beiden Gruppen zusammen passen musste die Aufführung vorher gut strukturiert werden. Das war für die Betreuer der realen Artisten, die normalerweise flexibler agieren können, etwas frustrierend.

Erfahrungen

  • Die jüngsten Teilnehmer (6 Jahre) hatten teilweise Probleme mit komplexeren Steuerungseingaben der Figuren. Unabhängig vom Alter kamen Kinder mit Vorerfahrungen mit Spielekonsolen besser mit der Steuerung des Spiels zurecht.
  • Bei dem Modul „Little Big Circus“ machten relativ wenige Kinder mit. Die „normalen“ und vielen Kindern schon bekannten Zirkusmodule waren attraktiver.
  • Einmal dabei waren die Kinder hochmotiviert bei der Sache. Nur wollten teilweise auch mal das Spiel normal spielen, anstatt sich auf den Auftritt vorzubereiten.
  • Für die Kinder ergab sich die gleiche Herausforderung wie beim realen Nummern proben: Die vorgeführten Bewegungen in eine klare, vom Publikum erkennbare Form zu bringen und mit Stopps zu untergliedern, damit das Publikum erkennen kann was ein Trick war und wann es klatschen kann.
  • Höherer Aufwand pro Teilnehmer als bei anderen Modulen.
  • Es ist wichtig für Zuschauer (vor allem Eltern und Geschwister der Kinder), dass die Kinder Live etwas auf der Bühne machen. Andere Module, die auf vorproduzierte Animationen und Interviews setzten, kamen weniger gut an.
  • Der Beamer war bei strahlendem Sonnenschein nicht in der Lage ein gut sichtbares Bild auf die Leinwand zu bringen. So haben sich die Medienpädagogen über jede dunkle Wolke gefreut. Nächstes mal nehmen wir ein lichtundurchlässiges Zelt.

Fazit

  • Little Big Planet hat großes Potential für medienpädagogische Arbeit. Die hohe Anpassungsfähigkeit des Spiels ermöglicht es den Spielern kreativ zu werden.
  • Es war nicht einfach aber im Laufe der Woche wurden in intensivem Austausch viele gute Lösungsansätze entwickelt und erprobt. In unserem Fall war Zirkuspädagogik kreatives Chaos unter Zeitdruck – eine tolle Erfahrung und ein riesen Spaß!
  • Das gemeinsame Erarbeiten der Nummern in dieser kurzen Zeit erfordert bei den verschiedenen Pädagogen eine intensivere Kenntnis der Arbeitsweise und der Gestaltungsmoglichkeiten des Anderen. Es wäre sinnvoll gewesen die Möglichkeiten der Zusammenarbeit vor dem Projekt in einer gemeinsamen Fortbildung zu erproben.
  • Es ist angedacht Little Big Planet in anderen Projekten zu nutzen bei denen die Kinder mehr Zeit haben und sich stärker in die Gestaltung der Umgebungen einbringen können. Gerade im Zirkus wäre auch die Nutzung von Kameras zur Steuerung von Spielen oder anderen Medien (z.B. mit Playstation Eye/Kinect) interessant.
  • Für alle Versuche gilt: Ein wirklich dunkler Raum, damit stärker wirkende Projektionen und mehr Workshopzeit um Kombinationen von realer und virtueller „Artistik“ zu entwickeln, hat das Potential für großartige Vorstellungen.

Dank an:

  • Anna Bauregger, Projektleiterin Zirkuslust von Spielen in der Stadt e.V., die die Anregung zu dem Projekt gegeben, an diesem Artikel mitgeschrieben und die Finanzierung organisiert hat,
  • die Mediengelder der Stadt München von denen das Geld kam,
  • Sony, die uns kostenlos mit Leihgeräten unterstützt haben.

Dies ist ein Gastbeitrag von Ulrich Tausend. Der Autor (Jahrgang 1979, Diplom-Soziologe) befasst sich seit vielen Jahren mit Computerspielen. Als 20-jähriger gründete er die Onlinespiele Firma Neodelight.com, die im Jahr 2008 verkauft wurde. Seitdem erstellt er Lernspiele und konzipiert medienpädagogische Projekte. Er ist derzeit als Sport- und Erlebnispädagoge bei der Freizeitstätte KistE in München angestellt. Außerdem unterrichtet er an der Mediadesign Hochschule, wo er sich mit sozialen und ethischen Aspekte von Gamedesign befasst. Er engagiert sich in den Initiativen Creative Gaming und gameLabor.

Verfasst am 24.01.2012
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