“Gute Apps für Kinder”. Community-basiertes, freies Bildungsmaterial zur App-Bewertung

Kinder lesen, spielen und lernen mit Apps. Deshalb sollen Kinderapps natürlich möglichst gut sein. Was aber eigentlich gute Apps für Kinder sind, lässt sich nicht pauschal beantworten und es gab bisher auch keinen Kriterienkatalog zur Prüfung von Apps. Aus diesem Grund entschied sich das Team des Media Literacy Labs (medialiteracylab.de) einen Offenen Onlinekurs zu dieser Fragestellung anzubieten (Vergleiche dazu den Beitrag „MOOCs in der medienpädagogischen Arbeit“). Über 250 Studierende, Medienpädagogen und Medienpädagoginnen aus Praxis und Forschung, Lehrpersonen und Eltern haben in diesem Kontext kollaborativ einen Kriterienkatalog erarbeitet und eine Datenbank mit App-Besprechungen erstellt.

Diese Materialien schließen eine Lücke, indem sie Erziehungspersonen eine Hilfestellung bei der Einschätzung und Bewertung von Apps bieten. Während der Kriterienkatalog für die Eltern selbst ein Handwerkzeug zur Bewertung darstellt, ist die Datenbank Gute-Apps-für-Kinder.de als eine erste Anlaufstelle zu verstehen, um zum Beispiel bei Unsicherheiten nachlesen zu können, welche Apps dem Kind heruntergeladen werden können oder welche Gefahren die auf dem eigenen Tablet vorhandenen Apps bergen. Darüber hinaus finden sich auf der Seite auch Podcasts, die Kinder über die Nutzung von Apps zu Wort kommen lassen oder sie beim Spiel mit der Anwendung zeigen. Wie der Kriterienkatalog und die Datenbank aufgebaut sind und welche Vorteile sie bieten, soll nun genauer berichtet werden:

Community-Produkt 1: Der Kriterienkatalog

Zunächst ist ein Kriterienkatalog mit Prüffragen zu insgesamt 12 Kriterien entstanden. Die Kriterien wurden weitgehend von POSCON, einem EU-Netzwerk zur Erarbeitung von “Positive Online Content and Services for Children in Europe”, übernommen. Die Materialien und Informationen die POSCON bereitstellt, lieferten den Stoff für die Erarbeitung des Prüfkatalogs:

Zielgruppe und Altersangemessenheit: Eine App sollte hinsichtlich ihrer Eignung für die Altersstufe, den individuellen Entwicklungsstand und die Bedürfnis eines Kindes überprüft werden. Kann die App zum Beispiel allein bedient werden oder ist ein Erwachsener notwendig? Ist die durchschnittliche Dauer der Spielzeit für das Alter des Kindes angemessen?

Attraktivität: Anwendungen sollten auch darauf geprüft werden, ob sie gestalterisch wie auch inhaltlich für das Kind attraktiv sind. Greifen sie Themen aus der Lebenswelt des Kindes auf? Sind sie interaktiv? Entsprechen sie dem kognitiven Niveau des Kindes oder sind sie zu simpel/ zu schwierig?

Wow-Faktor: Auch die Individualität einer App kann bei der Bewertung berücksichtigt werden. Motiviert sie zur Nutzung, weil sie sehr neuartig und für das Kind spannend ist?

Benutzerfreundlichkeit: Darüber hinaus sollte geprüft werden, wie gut sich eine App bedienen lässt. Hier stellt sich die Frage nach Hürden in der Navigation und im allgemeinen Umgang mit der App? Muss ein Kind zum Beispiel lesen können? Oder gibt es einfache Symbole und große Buttons, die leicht bedient werden können? Können die Kinder sich Informationen vorlesen lassen, sodass eine Begleitung durch einen Erwachsenen nicht zwingend notwendig ist? Sind Sound und Symbolik kindgerecht? Und gibt es einen eigenen Elternbereich?

Social Media-Elemente: Die Einbindung solcher Elemente ist aus dem Grund zu prüfen, da sie es dem Kind zwar ermöglichen sich mit anderen auszutauschen, das Kind aber auch mit unangemessenen Inhalten konfrontiert werden kann. Es ist zu prüfen, ob Inhalte vor der Veröffentlichung durch Moderatoren kontrolliert werden. Können Kinder außerdem problematische Inhalte einfach melden – zum Beispiel mit einem Alarmknopf?

Sicherheit: Zusätzlich sind Apps darauf zu prüfen, ob sie für Kinder oder Erziehungspersonen transparent sind. Lassen sich während des Installationsvorgangs oder bei der anschließenden Nutzung Gefahrenquellen finden? Sind rassistische oder pornografische Inhalte zu finden? Ist die App kostenpflichtig? Und wenn ja, welche Bezahlmöglichkeiten werden angeboten und wird der Zugang zum App-Store durch ein elterliches Passwort kontrolliert?

Kommerzielle Elemente: Für Erziehungspersonen stellt sich die Schwierigkeit, dass sich kommerzielle Elemente nicht immer schon zu Beginn der Anwendung zu erkennen geben. In manchen Fällen zeigen sich erst während des Spiels oder nach einer bestimmten Spieldauer Kaufaufforderungen, Kostenfallen oder Werbebanner. Gibt es versteckte Werbung oder Kaufaufforderungen? Sind diese Elemente mit den Richtlinien des Jugendmedienschutzgesetzes vereinbar?

Datenschutz: Um die Datensicherheit zu prüfen, sollte ein Blick in die Datenschutzerklärung geworfen werden. Gibt es auch für die Kinder eine verständliche Datenschutzerklärung? Und wie werden sensible Nutzerdaten verwaltet und übermittelt?

Vertrauenswürdigkeit: Die Vertrauenswürdigkeit einer App ergibt sich durch einen sensiblen Umgang mit den Daten der jungen Nutzer, transparente Nutzungs- und Datenverwendungsbestimmungen und einen hohen Grad an Kontrollierbarkeit durch Kinder und Erziehungspersonen. Sind die Kontaktdaten des App-Anbieters für eventuelle Fragen angegeben?

Lernen und Bildung: Auch die Inhalte einer App sind in den Blick zu nehmen. Nicht jede als ‚lernfördernd‘ beschriebene App muss auch gut sein. Vielmehr lohnt es sich einen genaueren Blick darauf zu werfen, welche Lernansätze die App zum Beispiel verfolgt, ob die Inhalte für das Kind verständlich aufbereitet sind, ob es Hilfestellungen gibt, etc.

Gender: Bezüglich dieses Kriteriums ist zu prüfen, ob eine Geschichte, Figurendarstellungen oder auch die Sprache geschlechtsneutral ist oder ob sich stereotypische Geschlechterdarstellungen finden lassen. Gibt es in der App beispielsweise bestimmte visuelle Elemente (z. B. Farben) oder auditive Elemente (z. B. Hintergrundmusik, eine Vorleserstimme oder Töne)? Zeichnet sich die App eher durch ein aggressives oder eher durch ein emotionales Spielverhalten aus?

Special Needs: Schließlich ist bei Bedarf zu prüfen, ob ein konkreter Bildungsauftrag ersichtlich ist, ob Möglichkeiten für den Einsatz im Unterricht genannt werden oder ob sich die App für Nutzer mit besonderen Bedürfnissen geeignet sind. Wie viele Sinne werden beispielsweise angesprochen? Gibt es unterschiedliche Schwierigkeitsstufen, die dem Lernniveau eines Kindes angepasst werden können?

Community-Produkt 2: Datenbank mit Kinder-Apps

Anhand der Datenbank „Gute Apps für Kinder“ können Eltern und Lehrerpersonen über 100 bereits bewertete Kinder-Apps entlang der oben beschriebenen Kriterien recherchieren. Darüber hinaus lassen sich mit Hilfe einer Suchmaske die begutachteten Apps auch nach ihrer Bewertung, ihrer Eignung für ein bestimmtes Alter (z. B. für ein Kleinkind oder Kindergartenkind) oder ein Schulfach (z. B. Mathe, Musik oder Kunst) oder zu einem bestimmten Themenbereich (z. B. Hobbies oder Umwelt) sortieren.
Einige Kursteilnehmende haben darüber hinaus Podcasts, in denen Kinder von und über Apps erzählen, erstellt und in die Datenbank eingefügt. Auch App-Besprechungen in englischer Sprache sind vorhanden. Das alles bedeutet, dass Erziehungspersonen ganz gezielt nach einer App suchen können, die gut bewertet ist, die ihr Kind thematisch interessiert oder mit der sich ganz bestimmte Dinge erlernen oder nachschlagen lassen. (Ein Hinweis: Die Datenbank ist derzeit aufgrund von möglichem Spam nicht editierbar, es werden aber gerne weitere App-Bewertungen aufgenommen – einfach eine E-Mail an uns schreiben.)

Community-Produkt 3: Transfer der offenen Materialien

Quasi sämtliche Spielarten einer Weiterverwendung der Ergebnisse ist möglich, da die von der Community erarbeiteten Inhalte unter einer freien Lizenz veröffentlicht worden sind. So kann nicht nur jede und jeder sie kopieren sondern auch weiterverarbeiten und die eigenen, neuen Ergebnisse weitergeben (solange die niedrigen Anforderungen der CC-BY-Lizenz beachtet werden).
Wer sich für freie Materialien zum Thema „Gute Apps für Kinder“ interessiert, sollte hier hineinschauen: www.gute-apps-fuer-kinder.de

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Dieser Beitrag stammt von

Jasmin Bastian

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Jöran Muuß-Merholz (Foto CC BY R. Appelt)Jöran Muuß-Merholz
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Friederike SillerFriederike Siller
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Friederike Siller ist Juniorprofessorin für Medienpädagogik, Jasmin Bastian ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Tabea Siebertz studentische Hilfskraft am Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Jöran Muuß-Merholz betreibt mit einem kleinen Team die Agentur „J&K – Jöran und Konsorten“. Gemeinsam mit dem Team des MLabs bieten die vier Autoren Offene Onlinekurse an über http://medialiteracylab.de.