Im Gespräch über Maker-Kultur und medienpädagogisches Making

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Pädagogisches Making ist ein noch recht junger Ansatz im Repertoire der Medienpädagogik. Doch sein Potential für eine praktisch-aktive und umfangreiche Medienpädagogik scheint unbestritten. In einem Gespräch zwischen einer jungen Wissenschaftlerin (CB), die sich in ihrer Abschlussarbeit mit dem Phänomen der Maker-Kultur beschäftigt hat und einem Akteur der Maker-Kultur im medienpädagogischen Kontext (MB), geht es um die Fragen, was Maker-Kultur ist und inwiefern Maker-Kultur und Medienpädagogik ineinander greifen (können).

CB: Wenn du den Begriff Maker-Kultur hörst, was assoziierst du damit?

MB: Also Making ist für mich etwas Greifbares. Etwas Physisches entsteht, weil ich mit Holz oder Kunststoff oder Metall in der Werkstatt stehe. Ich denke da an Do-It-Yourself, Basteln und Arduino, an den Austausch mit Anderen. Also im Prinzip Heimwerken im 21. Jahrhundert, aber eben mit anderen Menschen zusammen. Mir fällt aber auch auf, obschon jede:r unterschiedliche Themen mit Making assoziiert, es doch einen gemeinsamen Nenner zu geben scheint. Es ist nichts Ungewöhnliches sich für Stricken zu interessieren, obwohl man vorher eher so der „Löt-Mensch“ war.

CB: In den meisten Definitionen, die mir in meiner Recherche begegnet sind, wird insbesondere die Verwendung von digitalen sowie industriellen Technologien als ein wichtiges Merkmal für Making oder Maker-Kultur benannt. Für dich scheint nun aber die soziale Ebene, also das Gemeinsam-Machen und Voneinander-Lernen insbesondere im Vordergrund zu stehen. Ist das dann die „Maker- Kultur“?

MB: Für mich ist das eine Frage des Blickwinkels. Wenn man, wie ich, zunächst den Umgang mit digitalen Werkzeugen gelernt hat und später erst den Umgang mit Holz oder Metall, besteht der Aha-Moment in der Erweiterung ins physische Basteln. Das ist für mich genauso Making wie den umgekehrten Weg zu beschreiten.
  Das Zusammentreffen mit Anderen stellt für mich das eigentliche Highlight dieser Szene dar. Man geht in einen Makerspace seiner Wahl und wenn man etwas Glück hat, trifft man auf nette Menschen, die einem bei der Einweisung in neue Werkzeuge und/oder handwerklichen Fertigkeiten zur Seite stehen. Und solange man neugierig bleibt und nicht erwartet, dass alles für einen gemacht wird, kann man erfahrungsgemäß gar nicht zu viele Fragen stellen.

CB: Deine erste Betrachtung finde ich spannend, weil sie für mich die oft gelesene und gängige Beschreibung der Maker-Kultur als eine Ausweitung des physischen Heimwerkens oder Do-It-Yourself umkehrt. Das heißt dann: Making ist eben auch interessant, wenn man zuerst mit digitalen Werkzeugen in Berührung gekommen ist. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, mit Werkzeugen, seien es nun digitale oder herkömmliche, umzugehen zu lernen und diese zu verbinden. Gleichzeitig scheint mir diese Betrachtung auch nicht dem Bild der Medienpädagogik zu entsprechen, die davon ausgeht, dass vor allem der Umgang mit digitalen Werkzeugen und Medien erst erlernt werden muss. Der Umgang mit herkömmlichen Werkzeugen wird vorausgesetzt oder bestenfalls nicht thematisiert.
Nun hast du ja aber auch insbesondere das Gemeinsame, also das tätig werden mit und durch andere, als Merkmal von Making betont. Maker-Kultur kann also Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammenbringen, was mich an eine Beschreibung dieser als „familienfreundliche“ Hacker-Kultur erinnert. In der Maker-Kultur findet sich dann also nicht nur das Klischee der technikaffinen Nerds.

Diese beiden Punkte zeigen vielleicht das Potenzial, welches nun innerhalb der Medienpädagogik zum immer populäreren Ansatz des pädagogischen Making führt.
Making wird hierbei in meiner Beobachtung vor allem auf der Ebene der Inhalte sowie dessen immanentes, implizites Lernverständnis für die pädagogischen Formate angewandt. (Anm.: eine sehr detaillierte und gute Aufschlüsselung verschiedener pädagogischer Ansätze, welche im pädagogischen Making zusammenfließen, lassen sich in der Kunst&Kabel 2017 finden). Die reflexive Ebene über das Geschaffene oder die verwendeten Medien werden dann jedoch der Seite der Medienpädagogik zugeschrieben.
Wird deiner Erfahrung nach in der Maker-Kultur kritisch reflektiert? Oder braucht es hierzu tatsächlich die (Medien-)Pädagogik?

MB: Making ist ja ein gesellschaftliches Phänomen, da gibt es neben den schon genannten Makerspaces auch Stiftungen und andere Non-Profits, z. B. in der Jugendarbeit oder in der ökologischen Nachhaltigkeitsdebatte. Diese begleiten Making nicht nur organisatorisch und finanziell,sondern setzen auch Impulse für die Reflexion und liefern Einordnungen und Deutungen. Trotzdem kann ich beobachten, dass die Verzahnung dieser verschiedenen Herangehensweisen in der Praxis nicht immer so gut gelingt. Bei typischen Wochenendveranstaltungen setzen Veranstalter:innen gerne Themenkomplexe und/oder (medien-) pädagogisch affineren Mentor:innen Impulse. Diese gut gemeinten Absichten sorgen aber dennoch oft für lange Gesichter. Insofern sehe ich die Medienpädagogik als willkommenen Ansprechpartnerin, die aber auch noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten muss.

CB: Wie könnte diese Überzeugungsarbeit aussehen?

MB: In der Hochschule haben wir ein zweisemestriges Seminarformat entwickelt, welches von einem Dreierteam aus den Bereichen Medien- und Kulturwissenschaft, Medienpädagogik und Making geleitet wird. Die Studierenden entwickeln dabei ihr eigenes (Making-) Projekt und werden turnusmäßig in praktischen, organisatorischen und reflexiven Themen kompetent gemacht, um dann im zweiten Semester eigenverantwortlich in die Projektphase überzugehen. Dabei habe ich die Erfahrung gesammelt, dass der Austausch super produktiv ist, und wir uns in den individuellen Schwerpunkten sehr gut ergänzen. Uns drei hat schon vor diesem Seminar ein Interesse an Making und DIY geeint, aber jede:r bringt seine:n individuellen Blickwinkel und Erfahrung paritätisch ein. Das spiegelt sich auch sehr gut in den Projektergebnissen der Studierenden wider. Insofern plädiere ich neben dem obligaten Wissensaustausch auch für eine bewusste Teamzusammenstellung und Co-Teaching.

Über die Autoren:

Charlotte Blume studierte bis September 2020 Kultur- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg. In ihrer Bachelor-Arbeit beschäftigte sie sich mit der Maker-Kultur und näherte sich dem Phänomen gegenwärtiger Kultur diskursanalytisch.

Maksim Bronsky ist seit 2018 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Merseburg im Komplexlabor Digitale Kultur angestellt und kümmert sich unter anderem um den technischen Aufbau des physischen Labors. Seine Schwerpunkte sind Virtual Reality, Digitale Kultur und Techniksoziologie.

https://digitalekultur.hs-merseburg.de/