Erklärvideo-Werkstatt mit Jugendlichen – Workshop-Konzept des Medienkompetenzzentrums „Die Lücke“

Collage: J.Schön / CC BY 4.0 Filmprojekte Medienkompetenzzentrum Die Lücke 2017-18

Im Medienkompetenzzentrum „Die Lücke“ führten wir in letzter Zeit mehrere Projekte durch, bei denen Erklärvideos entstanden (mit Schüler*innen der 8. Klasse, mit Menschen mit Behinderungen, mit angehenden Erzieher*innen). Ziel war es dabei, verschiedene Erklärvideo-Techniken auszuprobieren und zu lernen, wie man Erklärvideos selber machen kann. Hier möchte ich meine Erfahrungen aus diesen Projekten zusammenfassen und dabei schildern, wie man einen Workshop zum Thema Erklärvideos konzipieren kann.

Dauer:

Man sollte dafür genügend Zeit am Stück einplanen, deshalb bietet sich die Umsetzung in Form einer Projektwoche an.

Benötigte Technik:

Ausgeschnittene Skizzen-Bilder (für 1. Übung), Schere, Papier, Videokameras, Stative, Mikrofon, Scheinwerfer, Tisch(e), PCs mit Internetverbindung, PCs oder Tablets zum Zeichnen mit speziellen Zeichen-Apps, OBS Screencast-Software (freeware), Audioaufnahmegeräte

Phase 1 – Einführung

Zunächst einmal gaben wir unseren Teilnehmer*innen einen Überblick, welche Formen von Erklärvideos momentan existieren. Dazu kann man sich auf YouTube oder anderen Plattformen entsprechende Beispiele anzuschauen. ( Hier ein Überblick über verschiedene Arten von Erklärvideos.) Es macht Sinn, für die filmische Analyse von Erklärvideos ruhig eine Weile Zeit zu investieren. Die Techniken der vorgestellten Beispiele sind doch recht vielseitig. Und, obwohl die Videos zumeist sehr simpel wirken, steckt eine Menge Arbeit dahinter.

Praxis-Übung – Bilder-Geschichten (Zeitaufwand ca. 2h)

Wir bildeten Arbeitsgruppen aus ca. 3-4 Leuten und haben im Vornherein kleine Bildchen ausgeschnitten, die nun an die Teilnehmer verteilt werden (Dies kann z.B. sein: ein Ball, ein Strichmännchen, Eine Tasse, ein Buch u.v.m.) Jede Gruppe bekommt nun vier kleine Bildchen (zufällig ausgewählt) und soll daraus eine kleine Erklär- Geschichte mit Legetrick erzählen. Diese kann mit dem eigenen Handy oder kleinen Kameras gefilmt und live eingesprochen werden.

Beispiel:  „Das ist Hans. Hans liebt Bücher. Doch eines Tages traf ein Ball seine Kakao-Tasse. Dabei wurde die beste Stelle in seinem Lieblingsbuch voll mit Kakao bekleckert…“
Ziel dieser Übung ist das Erlernen der Geschichtenerzählung mithilfe von Bildern.

Phase 2 – eigene Geschichten erzählen mit Legetrick

In dieser Phase gehen wir noch einen Schritt weiter. Die Teilnehmer*innen sollen nun eine eigene Geschichte mit selbst gemalten Bildern erzählen.

Praxis-Übung: Ein erstes Erklärvideo mit der „handmade“-Legetrick-Technik (Zeitaufwand ca. 3h)

Zu einem Thema sollen 5 Bilder gezeichnet und ein kleiner Erklärtext (Sprechertext / Kommentar) formuliert werden. Für die Zeichnungen eignen sich am besten einfache Schwarz-Weiß-Figuren oder -Skizzen. Die Bilder sollen selbst gemalt sein, aber zur Inspiration und Vorlage lässt sich „Google Bilder“ mit nutzen. Damit die Kamera später kontrastreiche Bilder aufnehmen kann, ist es ratsam, die Umrisse der Figuren und Gegenstände mit einem Filzstift nachzumalen.

Als technische Vorrausetzung für diese Methode braucht es eine Kamera auf einem Stativ, die frontal bzw. senkrecht von oben auf die Arbeitsfläche (Tisch) filmt. Dabei sollte das zu filmende Gebiet gut abgesteckt sein, damit die Handlung nicht außerhalb des Kamerabildes stattfindet. Außerdem sollte die Tischfläche möglichst hell sein (durch Tageslicht oder Scheinwerfer).

Zum Schluss wird geübt, die Figuren zur richtigen Zeit auf die Arbeitsfläche zu legen bzw. wegzuschieben. Der Sprechertext wird direkt beim Filmen eingesprochen. Um das richtige Timing aus Legen und Sprechen für das Filmen hinzukriegen, bedurfte es einiger „Kalt-Übungen“.

(Ich nenne die Technik „handmade“, weil die meisten professionellen Legetrick-Filme inzwischen digital erstellt werden. Hier geht es aber darum, die Technik des Erzählens zunächst einmal grundlegend kennen zu lernen.)

Hier ein Beispiel zum Thema Inklusion in leichter Sprache: (Das ist ein Teil eines Videos, was aus solch einer Übung hervorgegangen ist.)

„Das ist Susi. (Strichmännchen) Susi hat eine Lernbehinderung (Sprechblase mit Fragezeichen). Ihr Erzieher Klaus (Strichmännchen) hilft ihr, damit sie in der Schule besser zurechtkommt. Ihre Lehrerin Frau Schulz (Strichmännchen) erklärt Susi alles in leichter Sprache (Tafel mit ABC), damit Susi das auch verstehen kann.“

Phase 3 – Erproben von zwei digitalen Techniken / Entscheiden für eine davon

In dieser Phase nähern wir uns zwei digitalen Techniken, mit der man Lernvideos erstellen kann. Inzwischen existiert eine Vielzahl von Tools, mit denen digitale Lernvideos möglich sind. Dazu findet sich man auf dem „Workshop-Helden-Blog“ eine super Übersicht.

Wir haben uns im Vorfeld all diese Möglichkeiten angeschaut und uns für zwei Techniken entschieden. Diese erschienen uns für Jugendliche als am besten nachvollziehbar: (Als Pädagog*in sollte man sich im Vorfeld die Techniken genau anschauen, um zu sehen, wie man damit Geschichten erzählen kann und welche technischen Schritte notwendig sind.)

Beispielvideo, mit Powtoon erstellt: „Was ist Freifunk?“

Digital gemaltes Erklärvideo / Screencast z.B. mit den Apps Sketch O Paint oder EasySketch = einfache Mal-Apps, mit denen man über den Effekt des Skizzenwerkzeugs („sketchy tool“) Zeichnungen ein wenig edler wirken lassen kann. Während des Malens von Zeichnungen haben wir die integrierte Bildschirmaufnahme an den Tablets aktiviert und konnten somit den Mal-Prozess aufnehmen sowie dann auch gleich als Film weiterverwenden.

Beispielvideo, mit Sketch O Paint gemalt: „Internet und Social Web erklärt“

 

Falls auf dem Tablet keine integrierte Bildschirmaufnahme vorhanden ist, lässt sich alternativ auch mit der App „Explain Everything“ arbeiten. In diese Mal- und Gestaltungs-App ist die Bildschirmaufnahme bereits integriert. siehe auch Artikel „Lernvideo-Erstellung mit iPads“(mit „Explain Everything“)

Praxis-Übung – Ausprobieren der Technik am Tablet oder PC (Zeitaufwand ca. 2h)

Bei dieser Übung sollen sich die Jugendlichen mit den zwei digitalen Techniken vertraut machen. In Gruppen wählen sie eine der Techniken aus und entdecken diese spielerisch. Das heißt, sie versuchen Bilder mit dem Tablet zu malen oder Inhalte mit Powtoon zu erstellen. Hierbei geht es ausschließlich um das Kennenlernen und Ausprobieren der Software. Es müssen noch keine perfekten Geschichten erstellt werden.

Phase 4 – Filmplanung / Drehbuch

Aus unserer Erfahrung verweilen die Jugendlichen allzu gern vorm Bildschirm und verlieren sich aber dann in der Technik und im Ausprobieren ohne dass dabei eine stimmige Geschichte entwickelt werden kann. Deswegen legen wir jetzt eine Denkpause ein und kommen zur genauen Planung der Erklärvideo-Geschichten. Ein gutes Drehbuch ist eine wichtige Grundlage für das Erstellen von Erklärvideos. Dabei spielt sowohl die Text- als auch die Bildebene eine Rolle. Die erste Frage sollte lauten: „Was will ich eigentlich erklären?“ Und danach: „Wie will ich das machen?“
Es macht Sinn, sich dazu eine klassische Storyboardvorlage zu Hilfe zu nehmen zum Beispiel diese  Storyboardvorlage von medienmanual.at oder auch die  Lernvideo-Vorlage von Sandra Schön und Martin Ebner „Ideensammlung für das Lernvideo“

Praxis-Übung – Erstellen von Storyboards für die Erklärvideos (Zeitaufwand ca. 2 h)

Foto J. Schön, Erklärvideo-Projekt Dez. 2017 beim Drehbuchschreiben

Phase 5 – Erstellen von digitalen Erklärvideos (Zeitaufwand ca. 3 h)

In dieser Phase findet die Umsetzung der geplanten Storys mit der entsprechenden Software bzw. dem Mal-Tool statt. Das heißt die „Folien“ für Powtoon mit Text, Figuren und Grafiken werden erstellt. Und die Bilder für den Screencast-Erklärfilm werden auf Tablets oder am PC digital gemalt.

Der Vorteil von Powtoon ist, dass man am Ende ohne weitere Videoschnittarbeit fertige Filme ausgeben und diese direkt auf YouTube veröffentlichen kann. Dabei besteht die Auswahl aus einigen eingebundenen Musiktiteln sowie animierten Effekten. Auch ein Sprechertext lässt sich direkt einsprechen und in das Programm integrieren. (Voraussetzung: internes oder externes Mikrofon)

Phase 6 – Nachbearbeitung (Zeitaufwand ca. 3-6 h)

Zum Schluss wurden die die erstellten Filme mit einer Videoschnittsoftware (z.B. wie in unserem Falle mit Adobe Premiere Elements) bearbeitet. Dies war besonders wichtig bei den mit Screencast aufgenommenen gemalten Bildern. Die Filme wurden mit Sprechertext kommentiert, Musik unterlegt und Effekten versehen. Zum Aufnehmen der Sprechertexte benutzten wir Zoom-Audiogeräte. Es funktioniert aber auch alternativ mit der Audiorekorder-App von einfachen Smartphones. Den zeitlichen Aufwand für die digitale Nachbereitung sollte man nicht unterschätzen.

Fazit

Auch wenn die Videos am Ende sehr easy wirken, braucht es viel Aufwand für die Vorplanung – das Heranführen an das Thema und ans Drehbuch- bzw. Storyboard-Schreiben, und später die technische Umsetzung – das Filmen, Arbeiten mit Software und den finalen Feinschnitt. Deshalb ist es ratsam, nicht zu viel Techniken gleichzeitig ausprobieren, sondern sich für ein bis zwei zu entscheiden. Wir hatten beispielsweise in einer Projektwoche die „handmade“ Legetechnik und die Online-Lösung „Powtoon“ erprobt. (Damit waren wir voll beschäftigt.) Aufgrund des Aufwandes und auch der Seh-Gewohnheiten der potentiellen Zuschauer*innen sollte jedes Erklärvideo nicht länger als zwei Minuten lang sein. Einige der in den Projekten entstandenen Ergebnisse sind auf dem Erklärvideo-Kanal „Web Clear“ oder dem inklusiven YouTube-Kanal „All-Inklusive“ zu sehen.

Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Die Namen der Autor_innen sollen wie folgt genannt werden: Jördis Schön, Jördis Schön für medienpaedagogik-praxis.de
Jördis Schön Kurzbio
Jördis Schön (Dipl. Kulturpädagogin / Medien) ist Medienpädagogin und Dokumentarfilmautorin. Sie arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Dozentin für Medienpädagogik mit verschiedensten Zielgruppen. Sie verfügt über weitreichendes Expertenwissen zu den Themen Film, Neue Medien, Internet, YouTube und intermediale Arbeit. Seit 2004 arbeitet Jördis Schön auch als Dokumentarfilmautorin und hat dafür Honorierung in Form von Stipendien und Preisen erhalten. Mehr: https://medienschoen.de/
Jördis Schön Kurzbio
Jördis Schön (Dipl. Kulturpädagogin / Medien) ist Medienpädagogin und Dokumentarfilmautorin. Sie arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Dozentin für Medienpädagogik mit verschiedensten Zielgruppen. Sie verfügt über weitreichendes Expertenwissen zu den Themen Film, Neue Medien, Internet, YouTube und intermediale Arbeit. Seit 2004 arbeitet Jördis Schön auch als Dokumentarfilmautorin und hat dafür Honorierung in Form von Stipendien und Preisen erhalten. Mehr: https://medienschoen.de/
Verfasst am 21.08.2018

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