WIr Lernen durch MAchen – ein Interview mit Steven Marx über die WILMA Erfinderwerkstatt in Lustenau

Steven Marx - CC BY 4.0 International Steven Marx

Steven Marx lebt in Österreich, ist Jugendarbeiter beim Jugendnetzwerk Soziale Dienste Mittelrheintal in der Schweiz und arbeitet in spannenden Maker-Initiativen im Dreiländereck. Im Praxisblog erschien erst kürzlich seine vierteilige Reihe zu VR und 360-Grad-Anwendungen im Einsatz in medienpädagogischen Projekten. Im folgenden hat ihn der Praxisblog zum Projekt Erfinderwerkstatt WILMA befragt.Im folgenden wurde er zum Projekt Erfinderwerkstatt WILMA befragt – und er kündigt im Interview auch das Erscheinen des Handbuchs … ach, lest doch selbst. 🙂

Praxisblog: Was passiert in der Erfinderwerkstatt WILMA?

Steven Marx:  Kinder sind zentrale Akteur*Innen in der Zukunftsgestaltung. Die Grundidee von WILMA ist die Ermutigung von Kindern, die Welt mit realistischen Lösungen besser zu gestalten. Sie sollen Raum bekommen um kritisch zu denken und als aktive Gestalter*Innen ihrer Umwelt selbstwirksam agieren zu können. WILMA steht für “WIr Lernen durch MAchen.”

WILMA basiert auf mehreren theoretischen und/oder praktischen Konzepten, in deren Mittelpunkt das Design Thinking steht. Design Thinking kann hierbei als kreativer Denkansatz verstanden werden, der es ermöglichen soll in heterogenen Gruppenkonstellationen neue Ideen zu finden. Zudem wird durch das Projekt handlungsorientiertes, digitales Gestalten gefördert, welches durch das Making Konzept verkörpert wird, und selbstgesteuertes, lösungsorientiertes Handeln und Experimentieren, oder Tüfteln, ermutigt. Diese Elemente sollen sowohl das kreative Denken auf der theoretischen Ebene, als auch das Umsetzen der Idee in Form eines Prototypen auf praktischer Ebene miteinander verbinden.

Bei WILMA in den Gemeinden Lustenau (AT) und Berneck (CH) wurden als Grundlage für die Ideenfindung die globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung der UN vorgestellt. Circa 80 Schüler*Innen aus den vierten Klassen nahmen daran teil, wobei jede Klasse etwa einen Tag Zeit hatte um ihre Projekte von der Ideenfindung bis zur Produktpräsentation zu entwickeln. Sie konnten ihrer Kreativität freien Lauf lassen und bekamen Unterstützung von Lehrlingen als Mentor*Innen. Am Ende wurden die erschaffenen Prototypen in Form eines „Werbevideos“ von den einzelnen Gruppen präsentiert und reflektiert.

Praxisblog: Welche Ideen waren denn besonders – und warum?

Steven Marx: Es gab einige Roboter und Drohnen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Ausstattungen. Darunter ein Roboter der “krank” werden kann, welche die aus Müll Spielsachen oder Ziegelsteine produzieren können sowie Roboter, die auf auf Haustiere aufpassen oder auch traurige Kinder glücklich machen können. Ein paar der hergestellten Drohnen konnten Feuer löschen, sich von Blitzen aufladen lassen und WLAN und Pakete für alle liefern. Weiters gab es auch einige Fahrzeuge und Boote mit alternativen Antrieben, welche die Straßen und Meere von Müll befreien und gleichzeitig die Menschen kostenlos von A nach B bringen. Ein Prototyp eines Zebrastreifens mit Bewegungssensor, eine Windkraftanlage fürs Fenster und der Extrem-Ladeschuh, der sich während dem Gehen statisch auflädt, damit am Abend das Handy am Schuh geladen werden kann, waren äußerst kreativ.

Auch waren immer wieder Lösungsansätze von Missständen und Problemen dabei, die die Kinder unmittelbar in deren Lebenswelt beschäftigt haben. Eines der bezeichnendsten Projekte in diesem Zusammenhang war der „Hungererkennerteller“. Die Idee für dieses Projekt hatte ein Mädchen, welches im Gasthaus ihrer Eltern mit einem „All you can eat“ Konzept die Lebensmittelverschwendung der Gäste tagtäglich miterlebt und dies gern ändern möchte. Die Projektgruppe hatte die Idee eines mit dem Hunger mitwachsenden Teller um der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzusetzen. Auch, wenn im Moment diese Idee rein technisch nicht umsetzbar ist, ein Samen ist gesät.

Doch seht selbst, unter folgendem Link erklären und präsentieren die jungen Erfinder*innen ihre Ideen selbst:

Ob nun die Prototypen symbolischer Natur oder schon Lösungsansätze mit Funktionen sind, hängt stark von der Aufgabenstellung, den zur Verfügung gestellten Materialien und Werkzeug und auch dem Alter der Kinder ab. Dies kann individuell angepasst und gesteuert werden.

Praxisblog: Welche Rolle spielen für euch – und die Teilnehmer/innen – die digitalen Werkzeuge?

Steven Marx:

Genauso wie jedes andere Werkzeug soll auch das digitale Werkzeug bei WILMA einen Mehrwert darstellen und ein Hilfsmittel sein, um ein Ziel zu erreichen oder ein Problem zu lösen. In den unterschiedlichen Phasen von WILMA verwenden wir immer wieder digitale Hilfsmittel und Tools. Dies können 360°-Skizzenblätter

(handgezeichnete Skizzenblätter welche abfotografiert und mit einer Karton- Brille betrachtet werden), digitale Tools für kollaboratives Arbeiten, einfache Programmierumgebungen, Einplatinencomputer mit Sensoren oder auch Apps für das Erstellen eines Werbespots oder einer digitalen Vorstellung der Idee der Kinder sein. Wir erklären den Kindern digitale wie auch analoge Werkzeuge und versuchen eine gemeinsame Ausgangslage zu schaffen. Ob aber diese dann verwendet werden, obliegt der Gruppe oder dem Kind selbst. Es gibt Kinder, welche die Möglichkeiten ausnutzen und ihre Kreationen (anfangs noch mit etwas Unterstützung) programmieren, andere, die lieber mit Holz werkeln oder gerne mit Kartonagen und leeren Flaschen basteln, die mit Federn und Farben designen und jene, die mit elektrischen Bauteilen wie Motoren, Solarzellen und Stromdrähten tüfteln. Ob diese Interessen schon erste Anzeichen für eine “Berufung” darstellen wird sich zeigen. Dank der Unterstützung der Lehrlinge gab es schon erste Berührungspunkte mit der Berufswelt.

Praxisblog: Gibt es eine Idee, die ihr gerne weiter verfolgen und umsetzen wollt?

Steven Marx: Da wären viele, leider fehlt uns aber das nötige Know-how dafür 😉

Da wären viele, leider fehlt uns aber das nötige Know-how dafür ;-). Vielleicht gibt es da draußen passionierte Tüftler*innen, welche die Ideen mit den Kindern umsetzen und weiterentwickeln möchten. Bitte unbedingt melden! Unser Ziel ist es aber primär, eine nachhaltige Perspektive der Kinder zu fördern, das Selbstvertrauen in sich und das eigene Wirken zu stärken und Kreativität, technisches und unternehmerische Denken zu fördern.

Praxisblog: Was sollten Nachahmer/innen unbedingt wissen?

Steven Marx: Es ist wichtig, dass die Kinder in erster Linie so viel wie möglich selbstständig machen können. Grundsätzlich sollen sie durch das Ausprobieren lernen. Dies ist aber aus zeitlichen oder kostentechnischen Gründen nicht immer möglich und kann auch für die Kinder frustrierend werden. Hier einfach auf das Bauchgefühl hören. Aber Scheitern gehört unbedingt zum Erfinder-Prozess. Wir möchten uns bei allen inspirierenden, helfenden und unterstützenden Köpfen und Händen bedanken und unsere Erfahrungen auch teilen. Ein entstandenes Handbuch soll dabei unterstützen, eigene Projekte mit der Methode von WILMA der Erfinderwerkstatt umzusetzen. Unser Ziel ist es möglichst vielen Kindern und Jugendlichen diesen Schaffensraum zu ermöglichen, wobei im Rahmen frei geändert und umgeformt werden kann. Das WILMA Handbuch kann hier heruntergeladen werden.

Praxisblog: Wunderbar! Danke für das Interview!

 

Disclaimer: Dieses Interview wurde im Rahmen des EU-geförderten Projekt „DOIT – Entrepreneurial skills for young social innovators in an open digital world“ (http://doit-europe.net, 10/2017-09/2020, H2020-770063) durchgeführt. Das Interview und Foto stehen unter folgender Lizenz zur Verfügung: CC BY 4.0 DOIT http://DOIT-Europe.net H2020-770063, Interview mit Steven Marx für den Medienpädagogik Praxis-Blog, Foto: Steven Marx.

 

Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Sandra Schön für medienpaedagogik-praxis.de
Sandra Schön Kurzbio
ist Senior Researcher bei Salzburg Research (Abt. InnovationLab), leitet regelmäßige Praxisprojekte beim BIMS e.V., studierte Pädagogik, Psychologie und Informatik an der LMU München (M.A./Dr. phil.). Interessensschwerpunkte: Offene Bildungsressourcen (OER), Lernvideos, Videoarbeit, Maker Movement, Partizipation. Mehr im Weblog: http://sandra-schoen.de.

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