Videoschnittprogramme für „Fortgeschrittene“

Videoschnitt mit Prosumer-Programmen in der MedienpädagogikViele unter uns Medienpädagogen würden sich mit ihrem medientechnischen Können spontan in der goldenen Mitte einordnen. Wenn es darum geht, Homepages zu programmieren, Tonaufnahmen durchzuführen, Filme zu drehen und zu produzieren sind wir alle keine Anfänger mehr, aber voll ausgebildete Experten meistens auch nicht.

Wir sind eben Fortgeschrittene, oft auch als Prosumer (Wortmix aus Produzent und Konsument) bezeichnet, und diese Gruppe ist stetig am wachsen. Dies haben auch die Herstellerfirmen von Videoschnittprogrammen erkannt und wagen vermehrt den Spagat zwischen Bedienerfreundlichkeit für Anfänger und Leistungsfähigkeit eines Profi-Programmes.

Grund genug für uns, zwei Exemplare dieser Gattung unter die Lupe zu nehmen und zu sehen, wie sehr sie die fortgeschrittenen Ansprüche eines Medienpädagogen bedienen.Getestet haben wir das Flaggschiff des Herstellers Magix „Video Pro X3“ sowie die neuste Version von Final Cut, die jetzt den Namenszusatz „Pro X“ trägt. Wie es bei meinen Artikeln zur Tradition gehört, habe ich auch diese Programme am Interaktiven Whiteboard (kurz: „IWB“) getestet, um zu sehen, wie gut sie sich in diesem Kontext anwenden lassen.

Final Cut Pro X

Böse Zungen behaupten, das neue Final Cut Pro X (kurz: „FCPX“ ) ist das Ergebnis einer billigen Affäre zwischen dem alte Final Cut und iMovie. Diese Häme kommt nicht von ungefähr, denn der neue Hersteller Apple hat tatsächlich Elemente aus beiden Anwendungen zu einem völlig neuen Programm zusammengefügt, was mit den früheren Final Cut Versionen nicht mehr vergleichbar und leider auch nicht mehr kompatibel ist. Der Unterschied ist auch preislich spürbar.  Mit 239,99 €  wurde der Preis deutlich gesenkt und soll eben vor allem den ambitionierten Nutzer und nicht mehr so sehr die Profis ansprechen. Diese sagen sich im Übrigen in Internetforen und –blogs scharenweise von dem Programm los und arbeiten lieber mit der alten Version oder anderen Programmen weiter.

Der Trubel im Vorfeld soll mich jedoch nicht von einer objektiven Bewertung abhalten. Ich begreife FCPX als eigenständiges Programm und werde deshalb im Folgenden keine Vergleiche zu den Vorgängerversionen ziehen. Die Benutzeroberfläche von FCPX präsentiert sich mir als sehr aufgeräumt und ich finde mich sofort zurecht. iMovie-Veteranen haben einen Vorteil, denn die Ereignis-Mediathek wurde 1 zu 1 übernommen. Dann geht erst mal alles wir gehabt. Die Daten werden in die Timeline gezogen und zu einem Gesamtfilm zusammengefügt. Das funktioniert auch am Whiteboard sehr gut sowie auch Standardaktionen wie das Zerteilen von Clips, da alles über große und schnell erreichbare Icons ausgewählt werden kann.

Ein nerviges Manko ist die überarbeitete „magnetische Timeline“. Parallel liegende Filmobjekte sind immer an das Hauptobjekt in der Mitte der Timeline angeschlossen. Löscht man dieses, geht auch der ganze Rest verloren. Ebenfalls hinderlich für eine zügige Bearbeitung ist das Rendern im Hintergrund, was die Leistung des Rechners stark beansprucht. Dies sollte man unbedingt in den Grundeinstellungen deaktivieren. Außerdem sollte man viel Platz für temporäre Renderdaten auf der Festplatte einplanen. Ist man mit dem Grobschnitt fertig, kommt das Mehr im Vergleich zum iMovie zum Tragen. Jedes Objekt kann frei transformiert, dreidimensional verzerrt und beschnitten werden und mit dem Setzen von Keyframes, kann man dem Film bereits sehr viel individuelle Note geben. Texteinblendungen können in jeder erdenklichen Weise angepasst werden.

Als sehr innovativ und einsteigerfreundlich empfinde ich die Anwendung von Keyingeffekten. Die zu löschende Farbe wird per Farbsample direkt aus dem Film ausgewählt und mit etwas Ausprobieren, an den wenigen Einstellungsreglern, kommt auch der Laie zu sehr professionellen Ergebnissen. Meiner Meinung nach, kann man dieses Programm durchaus auch in Filmprojekten mit Anfängern am Videoschnitt verwenden. Die Einarbeitung dürfte in den meisten Fällen nur minimal mehr Zeit beanspruchen als für iMovie, MovieMaker & Co, denn die Standardaktionen können alle benutzt werden, ohne sich in komplizierte Menüs zu verstricken. Der oben angesprochene Spagat ist also durchaus gelungen. Ausgereift ist das Programm allerdings noch nicht so sehr, wie die alte Final Cut-Reihe, denn Programmabstürze und Verarbeitungsfehler gehören zu der Arbeit mit diesem Programm leider noch dazu.

Magix Video Pro X3

Anders sieht es da mit „Video Pro X3“ von Magix aus. In seiner mittlerweile dritten Auflage hat dieses Programm nicht mit solchen Kinderkrankheiten zu kämpfen. Preislich muss man fast das Doppelte einkalkulieren (Ladenpreis: 399,99 €). Das Programm bietet dafür auch mehr Funktionen als FCPX. Ob man dieses Mehr für seine Arbeit benötigt, sollte man am besten vorher mit der kostenlosen Demoversion für sich selbst herausfinden.

Auf den ersten Blick wirkt Pro X3 etwas „vollgestellter“ als die Final Cut-Konkurrenz. Bei genauerer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass der Unterschied gar nicht so groß ist. Es fehlen lediglich die klaren Trennlinien zwischen den verschiedenen Bereichen. Dafür kann man diese frei skalieren, was bei FCPX nur eingeschränkt möglich ist. Die Grundbefehle werden durch großzügige und leicht verständliche Icons angewählt, so dass man hier auch mit dem IWB gut arbeiten kann. Leider war es mir aber nicht möglich aus dem Importfenster oder dem Effektbrowser Objekte in die Timeline zu ziehen. Hier muss man dann leider doch zum Rechner zurückkehren.

Befindet sich erst mal alles in der Timeline, kann man aber um so besser am IWB mit den Objekten hantieren. Für Kreuzblenden schiebt man die Objekte einfach ineinander und die Anfasspunkte für die übrigen Blenden reagieren sehr direkt. Äußerst hilfreich sind die Schnellwahlbuttons am unteren Rand. Per Knopfdruck kann man die Ansicht in der Timeline auf das ausgewählte Objekt reduzieren oder in Übersicht auf das Gesamtprojekt wechseln.  An Bearbeitungsmöglichkeiten stehen wie gesagt mehr Funktionen zur Verfügung als bei FCPX. Der Ton lässt sich mit einem kompletten virtuellem Mischpult samt EQ, Kompressoren und weiteren Möglichkeiten individuell anpassen.

Ein Alleinstellungsmerkmal ist die Möglichkeit, Filme in stereoskope 3D-Bilder umzuwandeln. Einen schnellen Rechner vorausgesetzt, kann man hier faszinierende Ergebnisse erzielen. Man muss jedoch generell etwas mehr Zeit investieren, da insbesondere bei Feineinstellungen die Menüführung nicht immer selbsterklärend ist. Magix-Veteranen hingegen sollten sich in dem Programm recht schnell zurechtfinden, da einige Strukturen auch in anderen Programmen von Magix zum Einsatz kommen.

Fazit

Abschließend möchte ich zu einer groben Empfehlung kommen und natürlich in Punkto „Bedienbarkeit am IWB“ darauf eingehen, was sich im Vergleich zu unseren letzten Tests getan hat. Den Mittelweg zwischen einfacher Bedienbarkeit  und großem Funktionsumfang haben beide Programme recht gut gefunden. Was die Übersichtlichkeit und intuitive Bedienbarkeit angeht, hat Final Cut Pro X die Nase etwas vorn, was beim Produzenten „Apple“ nicht weiter verwundert. Ganz ausgereift ist das Programm aber noch nicht, was die auftretenden Abstürze deutlich zeigen. Immerhin geht nie etwas verloren, da das Programm permanent automatisch speichert.

Mehr Funktionen, allerdings auch für mehr Kosten, erhält man mit Pro X3 von Magix. Gerade wenn man ein 3D-Projekt angehen möchte, ist das Programm zu empfehlen. Man sollte allerdings mehr Einarbeitungszeit einplanen, als bei Einsteigerprogrammen oder FCPX. Im Bereich Anwendbarkeit am interaktiven Whiteboard schlagen beide Programme den richtigen Weg ein. Die Grundfunktionen werden über große, leicht erreichbare Buttons zur Verfügung gestellt, was die Arbeitsgeschwindigkeit deutlich erhöht. Zusätzlicher Pluspunkt bei Pro X3 sind die Schnellwahlbuttons für den Bildausschnitt, mit denen  man noch fixer in der Timeline agieren kann.

Es bleibt jedoch dabei, dass komplexe Manöver im Videoschnittprogramm immer noch vor dem Rechner ausgeführt werden müssen. Um Mouse und Tastatur in Punkto Geschwindigkeit und Präzision den Rang ablaufen zu können, müsste meiner Meinung nach eine Schnittsoftware mit speziellem Konzept für IWBs entwickelt werden. Wir halten euch auf dem Laufenden, sobald sich hier etwas tut.

Update (24.1.2012)

Wir lernen immer gerne dazu und deshalb möchte ich die wichtigen Infos, die Norbert Thien bereits in den Kommentar-Bereich eingestellt hat, hier an prominentere Stelle platzieren. Also:  Magix Video Pro X3 ist wesentlich günstiger für alle schulischen und gemeinnützigen Einrichtungen (Näheres dazu hier) im Academic Suite zu beziehen. Dieser beinhaltet neben Video Pro X3 noch die Programme Samplitude Music Studio 17 und  Xara Designer Pro 6 zum Preis von 99,- € (Einzellizenz) bzw. 399,- € (Klassenlizenz).

 

Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Adrian Weidmann für medienpaedagogik-praxis.de

2 Kommentare

  1. Norbert Thien am 18.01.2012:

    Von Magix Video Pro X gibt es eine spezielle Academic Suite (http://education.magix.com/de/products/magix-academic-suite-3/). Hier bekommt man die Videoschnittsoftware (und zuzätzlich kostenlos Samplitude und Xara Designer) als Mehrplatzlizenz (15 + 1) zum Preis von 399 Euro. Für Schulen und Jugendeinrichtungen eine gute Möglichkeit, mit größeren Gruppen zu arbeiten.

    So schön ein interaktives Whiteboard für manche Gelegenheiten auch ist, ich käme nie auf die Idee, es im Rahmen einer Videofortbildung einzusetzen (außer natürlich die normale Beamerfunktion). Ich breche mir immer die Finger, wenn ich an einer interaktiven Tafel die feinmotorischen Bewegungen machen soll, um einen Schnitt auszuführen. Am Rechner geht das schneller und präziser und ich kann jederzeit auf Tastaturkürzel zurückgreifen. Letzteres ist für mich etwas elementares, wenn es um die Bedienung komplexer multimedialer Programme geht. Und die Jugendlichen arbeiten später ja in ihrem Projekt auch an einem Rechner (und nicht an der Tafel).

  2. Adrian Weidmann am 18.01.2012:

    @ Norbert: Vielen Dank für den interessanten Hinweis über den Academic Suite.
    Was den Einwurf bzgl. des Interaktiven Whiteboards betrifft, sind wir in unseren Vorgänger-Artikeln ( http://www.medienpaedagogik-praxis.de/2010/06/07/praxistest-videoschnitt-am-interaktiven-whiteboard/ ) zu einem gleichen Ergebnis gekommen wie du. Wir sehen es auch als sinnvoller an, die Feinarbeit wie gehabt vor dem Rechner mit Mouse und Tastatur zu erledigen. Zu Beginn eines Videoprojektes kann das IWB aber sehr hilfreich sein, gerade um gemeinsam Filme zu sichten und die ersten groben Sortierungen und Schnitte vorzunehmen

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