Projektbasierte MOOCs in der medienpädagogischen Arbeit

pMOOCs in der Medienpädagogik

Seit dem Frühjahr 2013 bietet das Media Literacy Lab (MLab) Massive Open Online Courses (MOOC) zu medienpädagogischen Themen an. MOOCs liegen voll im Trend. Inzwischen werden die Onlinekurse nicht mehr nur von kanadischen und amerikanischen Universitäten angeboten, sondern haben ihren Weg auch nach Deutschland gefunden. Ganz neu ist das Format aber nicht – schon vorher gab es Onlinekurse im Netz. Neu ist aber der Fokus auf die Offenheit und das Verbreiten meist kostenloser Inhalte an eine breite Masse.

Eine Variante solcher MOOCs stellen Kurse dar, die partizipativ und auf die gemeinsame Schaffung von Wissen im Rahmen eines Projekts angelegt sind – pMOOCs also. Solche projektbasierten MOOCs bieten ein großes Potenzial für die Medienpädagogik, denn sie ermöglichen es, sich durch die große Teilnehmerzahl in kurzer Zeit neue Themenfelder und aktuelle medienpädagogische Probleme zu bearbeiten oder umfangreiche Recherchen anzustellen. Das MLab hat das ausprobiert und sich in einem ersten Kurs daran versucht, gemeinsam mit seinen Teilnehmern Kriterien für die Bewertung von Apps für Kinder zu entwickeln und dabei eine Datenbank geschaffen, die Eltern Empfehlungen für die Auswahl von Apps anbietet. Wir werden hier beschreiben, wie ein solcher pMOOC durchgeführt werden kann.

p – Projekt (auch Problem, Partizipation, Prozess, Produkt)

M – Masse ist kein Ziel, aber jeder kann teilnehmen

O – offener Zugang, offene Bildungsmaterialien, Creative Commons

O – Online-Lernen

C – kompakte Kurse zu medienpädagogischen Fragestellungen

pMOOCs strukturieren: How-to

Wie kann das konkret aussehen? Ein solches Projekt ist dergestalt aufgebaut, dass in einer kürzeren, begrenzten Zeitspanne – etwa für 3 bis 4 Wochen – gemeinsam intensiv an einem medienpädagogischen Problem oder einer herausfordernden Fragestellung gearbeitet wird. Dabei gliedert sich ein projektorientierter Onlinekurs in mehrere Phasen. Wie diese strukturiert sein können, soll beispielhaft am Kurs „Gute Apps für Kinder“ gezeigt werden. Der Aufbau des Onlineprojekts kann für die Teilnehmer in fünf Phasen unterteilt werden:

Phase #1:Einstieg

In einer ersten Phase sollte den Teilnehmern genügend Zeit gegeben werden, sich für den Kurs anzumelden und in der Kurscommunity zurechtzufinden. Gerade Personen, die nicht regelmäßig in einer Onlinecommunity mit anderen diskutieren, brauchen für diesen Schritt etwas mehr Zeit. Hilfreich ist es auch, unsicheren Teilnehmern und Neulingen ein Videotutorial an die Hand zu geben, in dem niedrigschwellig erklärt wird, wie eine Community funktioniert und wie gepostet werden kann. In einem zweiten Schritt ist es sinnvoll, die Teilnehmer dazu anzuregen, sich einander vorzustellen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Anschluss können sie sich, je nach individueller Interessenslage, über die Community zu Arbeitsgruppen zusammenfinden.

Am Ende der Phase sollte die erste Veranstaltung platziert werden. Hier bietet sich eine Warm-up-Veranstaltung an, in der die Kursmacher sich vorstellen, zum Beispiel eine Live-Videochatkonferenz. Sollen in dieser Veranstaltung auch die Kursteilnehmer eingebunden und zur Diskussion oder Rückfragen eingeladen werden, ist ein parallel dazu laufender textbasierter Chat eine gute Lösung. Dieser sollte von einem Chatkorrespondenten moderiert werden, der Fragen aus dem Chat in die Videokonferenz gibt und von parallel laufenden Diskussionen im Chat berichtet.

Phase #2: Start in die Gruppenarbeit

In einer zweiten Phase kann der Einstieg in die Projektarbeit beginnen. Dazu sollten die Kursveranstalter zunächst selbst einen theoretischen Input geben, etwa in Form einer Liste von Arbeitsmaterial oder eines Einführungsvideos. Dann kann auch ein erster Arbeitsauftrag vergeben werden. Im Kurs „Gute Apps für Kinder“ wurden Arbeitsgruppen gebeten, je ein Kriterium für einen Kriterienkatalog auszuarbeiten, der eine Prüfung von Apps für Kinder ermöglichen sollte. Die Gruppen erstellten daraufhin über mehrere Tage hinweg eine Definition jedes Kriteriums sowie eine Reihe möglicher Prüffragen.

Phase #3: Ergebnisse zusammenbringen

In einer anschließenden dritten Phase sind die Arbeitsergebnisse zu einem Gesamtergebnis zusammen zu bringen. Dabei ist es sinnvoll, wenn nicht die Kursveranstalter willkürlich in die Arbeit der Community eingreifen. Es empfiehlt sich der Einsatz von Coaches, die als Experten eine Rückmeldung an die Teilnehmer geben und sie beim Mergen der Ergebnisse inhaltlich unterstützen können. Die kritische Rückmeldung von Experten wird von den Teilnehmern meinst positiv wahrgenommen und berücksichtigt.

Phase #4: Erarbeitetes nutzen

In einer vierten Phase sollte mit den entstandenen Ergebnissen weiter gearbeitet werden. Im beschriebenen Kurs wurde beispielsweise der in Gemeinschaftsarbeit entstandene Katalog von einzelnen Teilnehmern genutzt, um selbst Apps zu bewerten. Diese Bewertungen wurden in einem Wiki veröffentlicht, sodass am Ende des Kurses eine Datenbank mit über 100 App-Bewertungen entstanden war. Durch ein Peer-Reviewing-Verfahren, bei dem die Teilnehmer ihre Bewertungen gegenseitig kritisch prüfen, kann die Qualität gesichert werden.

Phase #5: Transfer

In der fünften Phase sollte schließlich ein Transfer der Ergebnisse stattfinden. Ein Abschluss-Event muss dabei nicht auch ein Abschluss der Diskussion durch die Organisatoren sein. Vielmehr können diese die Weiterverbreitung der Ergebnisse anregen und zur weiteren Diskussion in der Community anregen.

Nicht jeder muss das gleiche tun

Insgesamt muss nicht jeder Teilnehmer in einem MOOC die gleiche Rolle einnehmen. Im Kurs „Gute Apps für Kinder“ haben über 250 Kursteilnehmerinnen und Teilnehmer teilgenommen, denen entlang ihres jeweiligen Zeitkontingents unterschiedliche Angebote unterbreitet wurden, wie sie einen Beitrag zum “Gesamtwerk” leisten können. Gerade bei offenen Formaten, an denen prinzipiell jeder teilnehmen kann, haben die verschiedenen Kursmitglieder ganz unterschiedliche Interessen, persönliche Vorrausetzungen und Zielsetzungen. Es bietet sich also entweder an, unterschiedlich große Arbeitspakete vorzubereiten oder die Teilnehmer vor Kursbeginn zu befragen, in welchem Maß sie sich in den Kurs einbringen möchten. Wenn die verfügbare Zeit der Teilnehmer abgefragt wurde, lassen sich anschließend Gruppen einteilen, in denen alle Teilnehmer sich in gleichem Maße einbringen wollen.

Aber auch Gruppen sind denkbar, in denen einige Personen arbeiten, die sich intensiv einbringen wollen, denen aber weitere Teilnehmer zugeordenet werden, die sich nur gelegentlich einbringen oder einfach ‚lurken‘ wollen. Eine weitere Möglichkeit ist es, Teilnehmer, die intensiv arbeiten wollen, mit entsprechenden Arbeitspaketen zu bedienen, während Teilnehmer, die ‚nur-mal-reinschauen‘ wollen, in der Gruppenarbeitsphase außen vor bleiben dürfen und sich dafür gegebenenfalls stärker in die Diskussion in der Community einbringen. Sie behindern die Gruppen dann nicht, sondern ergänzen die Diskussion.

Offene Bildungsmaterialien gemeinsam erarbeiten

Das Media Literacy Lab versteht seine Kurse als “offen”. Die Teilnahme ist daher allen Interessierten möglich. Da in einem pMOOC Inhalte gemeinsam erarbeitet werden, sollten sie idealerweise nach Abschluss des Kurses auch allen Teilnehmern zur Verfügung stehen. Deshalb sollten sie, soweit es möglich ist, unter einer Lizenz veröffentlicht werden, die die Weiterverarbeitung und Weitergabe ausdrücklich vorsieht (CC BY 3.0 DE). Dasselbe sollte – zugunsten der ‚Offenheit‘ des Kurses – auch für die von den Kursleitern bereitgestellten Inhalte gelten: Videos, Bild- oder Textmaterialien etc. Auch ist es zu empfehlen, im Zweifelsfall offene Formate, Standards und Software zu verwenden, statt kostenpflichtiger Programme oder etwa Plattformen, die zweifelhafte Daten erheben. Ein offener Lernverlauf für Individuum und Gruppe und ein bis zuletzt offenes Kursergebnis stehen quasi auf dem Programm.

Mitmachen erwünscht

Der nächste Offene Onlinekurs des MLab ist bereits in Planung. Wieder werden wir einen pMOOC veranstalten und Projektstrukturen für unsere Zusammenarbeit wählen. Auch werden die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer erneut gemeinsam an einem aktuellen medienpädagogischen Problem arbeiten und “neues Material” für die Medienpädagogik entwickeln. Das große Interesse und weitgehend positive Feedback aus dem Pilotkurs bestärken uns darin, weiter zu arbeiten. Die Community-Ergebnisse aus dem Pilotkurs zeigen eindrücklich, wie sich eine sehr heterogene Community im Netz auch innerhalb eines kurzen Zeitraums formieren und einen Beitrag zu aktuellen, relevanten medienpädagogischen Fragestellungen leisten kann. Also: Macht mit und entdeckt, wie ein pMOOC funktioniert.

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Dieser Beitrag stammt von

Jasmin Bastian

Jasmin Bastian
jasmin.bastian@medialiteracylab.de
Twitter: @JasminBastian1

 

Jöran Muuß-Merholz (Foto CC BY R. Appelt)Jöran Muuß-Merholz
post@joeran.de
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Tabea SiebertzTabea Siebertz
tabea.siebertz@medialiteracylab.de
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Friederike SillerFriederike Siller
siller@uni-mainz.de
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Friederike Siller ist Juniorprofessorin für Medienpädagogik, Jasmin Bastian ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Tabea Siebertz studentische Hilfskraft am Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Jöran Muuß-Merholz betreibt mit einem kleinen Team die Agentur „J&K – Jöran und Konsorten“. Gemeinsam mit dem Team des MLabs bieten die vier Autoren Offene Onlinekurse an über http://medialiteracylab.de.

Creative Commons-LizenzDieser Artikel steht unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Friederike Siller für medienpaedagogik-praxis.de
Friederike Siller
Verfasst am 09.12.2013

Ein Kommentar

  1. Projektbasierte MOOCs in der medienpädagogischen Arbeit – Medienpädagogik Praxis-Blog (Blog) | Unternehmenskultur 2.0 am 09.12.2013:

    […] See on http://www.medienpaedagogik-praxis.de […]

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