Eine Stimme für die Medienpädagogik

Aufruf zur Tarifkonzeptkampagne für Medienpädagog*innen

Dieser Artikel stellt die persönliche Meinung der Autor*innen dar. Die Initiative dazu ist auf dem Medienpädagogik Praxiscamp 2019 in Leipzig entstanden und wurde auf dem 36. GMK-Forum in München weiter vertieft.

Medienpädagogik ist gefragt wie nie zuvor, dennoch steckt sie in der Krise. Es fehlen Ausbildungswege, faire Arbeitsbedingungen und eine laute, gemeinsame Stimme aus der Praxis. Wir Medienpädagog*innen müssen jetzt selbst aktiv werden und uns für unsere Branche einsetzen. Das Projekt „Tarifkonzept-Kampagne“ ist eine Initiative von freien Medienpädagog*innen. In der GMK fanden sie eine gemeinsame Plattform für ihre Forderungen und ihre Zusammenarbeit. Außerdem rufen sie explizit alle Medienpädagog*innen auf, mitzumachen!

Aktuelle Situation

In unserer digitalisierten Welt durchziehen Medien sämtliche Bereiche der Gesellschaft und betreffen alle Generationen. Medienkompetenz ist zu etwas Kollektivem geworden, zu einer Kernkompetenz, die wir alle brauchen, um selbstbestimmt, selbstsicher und aktiv an der Gesellschaft teilhaben zu können.

Mittlerweile wurde das erkannt, auch die Politik reagiert langsam: Medienbildung ist nun in den Schulen verpflichtend und es gibt einen Digitalpakt. Soweit, so gut, doch kein Grund zum Jubeln.

Wenn es um Medienbildung und Medienkompetenz geht, stellen sich folgende Fragen: Was genau soll eigentlich vermittelt werden? Wer vermittelt Medienkompetenz und wie? Was genau ist medienpädagogische Arbeit? Welche Rahmenbedingungen werden benötigt, um nachhaltig und umfassend arbeiten zu können?

Durch die Digitalisierung wandelte sich auch die Medienpädagogik: Neue Arbeitsfelder und gesellschaftliche Fragen kamen dazu, neue Konzepte der Lehre und neue Technologien taten sich auf. Das, gekoppelt mit der jahrelangen Krise im Sozialen Bereich und dem aktuellen akuten Lehrkraftmangel, macht sichtbar, dass die Medienpädagogik momentan auch als expliziter Teilbereich der Pädagogik gebraucht wird:

Wir brauchen Menschen, die sich hauptberuflich mit Digitalisierung und Medien befassen, die die Inhalte verständlich aufbereiten, um sie an die Gesellschaft zu vermitteln!

Der Bedarf an medienpädagogischer Arbeit ist groß, wie kann es aber sein, dass dieser Bedarf nicht ausreichend gedeckt werden kann? Wie kann es sein, dass Schulen weiterhin weder Medienkonzepte noch Personal haben, um Medienbildung leisten zu können? Wie kann es sein, dass bei all dem Bedarf, viele Medienpädagog*innen nicht allein von ihrer Arbeit leben können?

Strukturelle Probleme der Medienpädagogik

1. Der Beruf ist nicht geschützt

Theoretisch können alle, die irgendwie in dem Bereich arbeiten, sich Medienpädagog*in nennen. Oder Medientrainer*in. Oder Medienberater*in. Oder medienpädagogische Fachkraft.

Es gibt keine einheitlichen Ausbildungswege zur Medienpädagog*in (d/w/m) und nur recht wenige Fortbildungsmöglichkeiten. Medienpädagogik kann in einem Teilbereich des erziehungswissenschaftlichen Studiums studiert werden, es können Trainerscheine absolviert werden und sozialpädagogische Fortbildungen gemacht werden. Mehr ist aktuell nicht möglich.

Medienkompetenzvermittlung wird in der Praxis gelernt. In der Regel gib es kein Zeugnis dafür!

Aktuell strömen diverse Akteur*innen auf den freien Markt der Medienpädagogik. Darunter sind Medienschaffende, die ihr Handwerk vermitteln können, aber kein pädagogisches Wissen mitbringen. Darunter sind Unternehmen, die Schulen das Gesamtpaket aus Technik, Support und Didaktik anbieten, aber an ihre unternehmerischen Ziele gebunden sind, die nicht mit der freien Lehre vereinbar sind.

Wie kann die Qualität der Medienkompetenzvermittlung gesichert werden? Was ist qualitativ hochwertige Medienpädagogik? Wir müssen darüber reden, wer den Beruf ausüben kann und wie eine ganzheitliche, nachhaltige und kritische Medienpädagogik aussieht.

2. Arbeitsbedingungen im Sozialen Bereich

Medienpädagogik ist eine ganzheitliche Arbeit. Sie kann nicht nur punktuell in einem Schulfach, einem Projekt oder einer AG vermittelt werden und es reicht auch nicht aus, Smartboards anstatt Overhead-Projektoren zu nutzen und Tablets, anstelle von Zettel und Stift.

Medienpädagogik geht mit dem Wandel. Vor zehn Jahren wurde noch nicht über Fake News und Hatespeech geredet, es gab noch keine Smarthomes, Internetwahlkampf steckte in den Kinderschuhen und Edward Snowden hatte noch nicht über massenhafte Überwachung berichtet.

Um eine ganzheitliche und nachhaltige Medienbildung leisten zu können, braucht es aktuelle und bedarfsgerechte Konzepte!

Bildungseinrichtungen brauchen ihr eigenes ganzheitliches Konzept für Medienbildung, das die verschiedenen Kernbereiche und -kompetenzen miteinbezieht, sowie alle beteiligten Personen berücksichtigt. Wer soll dieses Konzept erstellen und wer setzt es um? In der Realität sind es ein oder zwei Lehrkräfte, die zusätzlich zu allen anderen Aufgaben, sich auch mit „dem Medienthema“ beschäftigen sollen.

Bildungseinrichtungen brauchen Unterstützung in der Erstellung und Umsetzung des Medienkonzeptes. Dazu werden zusätzliche Fachkraftstellen für Medienpädagogik oder Budget für freie Medienpädagog*innen benötigt.

Das Bundesgeld vom Digitalpakt sorgt aber lediglich für die technische Infrastruktur an Schulen und ggf. für eine Lehrkraftschulung. Die Barrieren, diese Gelder abrufen zu können, sind hoch. Weitere finanzielle Fördermöglichkeiten aus diversen Fördertöpfen stünden ggf. zur Verfügung, werden aber nicht ausreichend in Anspruch genommen.

Honorarverordnungen im Sozialen Bereich machen die freiberufliche medienpädagogische Arbeit quasi unmöglich. Bezahlt wird nur die reine Durchführung des medienpädagogischen Angebots, nicht die Vorbereitung, nicht die Konzeption. Auf dem freien Markt wird Lohndumping betrieben, nicht weil wir wollen, sondern weil wir müssen.

Medienpädagogische Arbeit ist auch situativ und bedürfnisorientiert. Durch die finanziellen Beschränkungen kann nicht bedarfsgerecht und lebensweltorientiert konzipiert und gearbeitet werden. Medienpädagogische Inhalte werden damit auf einige wenige Oberthemen beschränkt.

Es braucht Barrierefreiheit, Transparenz und einheitliche finanzielle Rahmenbedingungen für die gerechte Bezahlung von Medienpädagog*innen!

3. Wir brauchen eine Stimme

Der Wandel und unsere Arbeitsbedingungen haben uns
Medienpädagog*innen zu einer diversen Branche gemacht:

Aktuell gibt es uns von 20 Euro – 80 Euro im Stundensatz, von 100 Euro – 500 Euro im Tagessatz, in freiberuflich, festfrei, festangestellt in Teilzeit und Vollzeit, mit finanziellen Unterschieden zwischen Ost und West. Es gibt uns als pädagogische Fachkräfte mit medienpädagogischer Fortbildung bis hin zu Medienmenschen, die ihr Handwerk vermitteln. Uns gibt es als IT-ler*innen, Programmierer*nnen, Medienmacher*innen, Gamer*innen, Influencer*innen, Datenschützer*innen, und und und. Wir arbeiten mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senior*innen. Wir arbeiten Stundenweise, geben 1, 2, 3 Tagesworkshops und Projektwochen, halten Vorträge und arbeiten interaktiv, erstellen mit Teilnehmenden Medienprodukte und Medienbildungsmaterial, wir vermitteln Hintergrundwissen zum gesellschaftlichen Leben, technisches Know How, und sämtliche weitere Kompetenzen.

Wir sind divers, wir wachsen und wir werden ein wichtiger und fester Bestandteil des Sozialen Bereichs sein. Aber wir haben keine fairen und einheitlichen Rahmenbedingungen – noch nicht! Wir brauchen eine starke Interessenvertretung aus der Praxis! Es gibt viele verschiedene Institutionen, Netzwerke und Plattformen, aber (noch) keine verbundene, starke Basis, noch keine laute, gemeinsame Stimme!

Das können wir ändern! Also lasst es uns ändern!

Lasst uns unsere Branche und Arbeit definieren! Lasst uns verdeutlichen, welche Rahmenbedingungen wir benötigen, um ganzheitliche und nachhaltige Arbeit leisten zu können! Lasst uns zusammen Forderungen aufstellen, und damit uns und unserer Branche eine Stimme geben!

Hiermit werden explizit alle Medienpädagog*innen aus der Praxis dazu aufgerufen, sich zusammenzuschließen und selbst aktiv werden!

Teilt eure Erfahrungen, Anmerkungen und Forderungen im Projekt „Tarifkonzept-Kampagne“ im GMK-Dachverband, oder auf unserem öffentlichen Padlet. Jeder konstruktive Beitrag wird gebraucht, auch in Kommentarspalten!

Lasst uns dafür sorgen, dass die Medienpädagogik ein diverser, fester und wichtiger Bestandteil der Pädagogik sein kann! Lasst uns miteinander reden und gestalten! Lasst uns unsere eigene Stimme finden, so, wie wir schon lange anderen Menschen dabei helfen, ihre Stimme zu finden!

Jetzt sind wir dran!

Macht mit!

Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Die Namen der Autor_innen sollen wie folgt genannt werden: Lili Ewert, stefan.koeck, Michaela Weiß für medienpaedagogik-praxis.de
Lili Ewert Kurzbio
Freiberufliche Medienpädagogin, Medienberaterin, Journalistin. Medien gehen uns alle etwas an und Medienkompetenz ist was Kollektives. Aktuell beschäftige ich mich mit den Strukturen der Medienpädagogik und überlege, welche Rahmenbedingungen benötigt werden, um nachhaltige und ganzheitliche Medienpädagogik leisten zu können.
Michaela Weiß Kurzbio
Freiberufliche Medienpädagogin und Honorarreferentin für die Verbraucherzentrale RLP und den Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit RLP. Ich mache Medienworkshops in Jugendeinrichtungen, Schulen und Kitas, Elternabende, Multiplikatorentrainings und bin außerdem bin ich Teamerin beim Blickwechsel e.V. und Sprecherin der Fachgruppe Kita bei der GMK. Ich lebe mit meiner Familie in einer schönen Kleinstadt im Westerwald. :)
Verfasst am 26.11.2019