Eine temporäre offene digitale Werkstatt – die „Maker Days for Kids“ (Making Handbuch)

In den Ferien verwandelt sich der Saal des Jugendzentrums in eine offene Werkstatt für täglich etwa 40 Kinder und Jugendliche von 10 bis 14 Jahren.

 Setting eine offene (digitale) Werkstatt als Angebot der außerschulischen Jugendarbeit
Dauer 3 bis 6 zusammenhängende Tage, z.B. in den Ferien
Zielgruppe Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren
Zielsetzung kreatives (digitales) Gestalten zu ermöglichen und zu fördern
Notwendige
Ausstattung
großer Veranstaltungsraum, Freifunk, Laptops, weitere Werkzeuge nach Möglichkeiten der Veranstalter/innen
Aufwand hoch – mehrere Wochen Vorbereitung, Partnerschaften und Kooperationen können sinnvoll sein, Entwicklung von Materialien (Anmeldung, Ausleihe, etc.), Aufwand Abbau/Betreuung hoch (ca. 12 Erwachsene und Peer-Tutor/inn/en pro Tag und je 40 Kinder)

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Vorbereitung

Ausgehend von einem ersten Projektplan wurde das Konzept der offenen Werkstatt über mehrere Monate hinweg entwickelt, und dabei Handbücher und Weblogs mit Maker-Aktivitäten hinzugezogen. Neben den Abläufen wurden dabei auch unterschiedliche Materialien, z.B. die Workshop-Ankündigungen, Anmeldeformulare u.a. entworfen. Zudem wurden mit bis zu acht Peer-Tutorinnen und Peer-Tutoren bei drei Vorbereitungstreffen die Angebote, Abläufe und Strukturen diskutiert und (weiter) entwickelt. Die Peers sind dabei Jugendliche, die in vorherigen Medienprojekten eingebunden waren. Erwachsene Helfer/innen und Jugendliche nahmen auch an zwei Workshops teil, bei dem zum einen das Konzept und zahlreiche Werkzeuge vorgestellt wurde bzw. zum anderen die Nutzung der Leihgeräte, d.h. des 3D-Druckers wie eines Vinyl-Cutters, geprobt wurde.

Um Kreativität und Kooperation bestmöglich zu unterstützen, sollte ein zentraler großer Raum genutzt und gestaltet werden. Beim Modellprojekt wurde der Saal des Jugendzentrums z.B. durch Tische und Regale und weitere Gestaltungen (z.B. Wimpelketten, Plakate) unterteilt und übersichtlich gestaltet. In einem weiteren Raum unter der Bühne war nur das Film- und Fotostudio, da hier auf entsprechende Ton- und Lichtverhältnisse zu achten ist.

CC BY Maker Days for Kids | http://makerdays.wordpress.com CC BY Maker Days for Kids | http://makerdays.wordpress.com

Die Werkstatt ist dabei (abgesehen von mehreren Notausgängen) nur zugänglich, wenn die „Orga“ (d.h. die Anmeldung) passiert wird.

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Ablauf

Bei der Gestaltung der Werkstatt waren sechs didaktische Zielsetzungen maßgeblich. Mit dem Ziel, kreatives (digitales) Gestalten zu ermöglichen und zu fördern, wird bei den Maker Days v.a. auf ein (a) offenes, niederschwelliges Angebot, (b) auf Partizipation der TeilnehmerInnen, (c) die Förderung ihrer Ideen- (und Innovations-) Entwicklung, (d) eine (auch selbstgesteuerte) Medien- und IT-(MINT) -Kompetenzerweiterung (e) eine gender-sensible Gestaltung sowie auf eine (spätere) Erreichbarkeit der Werkzeuge für die Teilnehmer/innen gesetzt bzw. geachtet.

Das Ziel der Maker Days ist es, die Teilnehmenden bei der eigenständigen, kreativen Entwicklung von Erfindungen aller Art zu unterstützen. Grundsätzlich soll es jederzeit möglich sein, frei zu tüfteln und zu arbeiten.

Trotz der offenen Struktur gibt es für Neuankommende ein stets gleiches Programm und Führung: Alle Neuen werden bei der „Orga“ empfangen und gebeten, eine Anmeldung auszufüllen. Jede/r erhält dann ein Lanyard und Badge mit ihrer/seiner User-ID und eine Bastelvorlage für ein kleines Maker-Notizbuch. Zum Start bekamen die neuen Kinder dann eine Führung – in der Regel durch Gleichaltrige – durch die gesamte Werkstatt, so dass sie einen Einblick erhielten, wie man sich bei Workshops anmeldet, was es bei der Orga gibt (Pflaster!), welche Angebote es überhaupt gibt und – das hat meist für Erstaunen gesorgt – dass sie sich am Lager selbst bedienen können und grundsätzlich das machen können, was ihnen Spaß macht, solange dabei die Maker-Prinzipien eingehalten werden (die an mehreren Stellen aushängen).

Als Rahmen, damit die Teilnehmenden mit den angebotenen Werkzeugen Erfahrungen sammeln können und gezielte Anregungen erhalten, wurden zudem (a) „Tages-Challenges“, (b) (Mini-) Workshops, (c) viele Bücher und gezielte Selbstlernmaterialien zur Verfügung gestellt.

(a) Für jeden Tag gab es eine spezielle Herausforderung (die „Challenge“). Dabei wird ein Thema gestellt, das in der Gruppe oder ggf. einzeln bearbeitet werden kann. Zur Tages-Challenge gibt es nach Bedarf Treffen (in der Ideenwerkstatt). Die Challenge kann ein Video, ein Game oder die Vorbereitung der Abschlusspräsentation sei.

(b) Die Workshops sind dazu da, eine eher kurze Einführung in ein Werkzeug oder eine Methode zu geben und dauern i.d.R. zwischen 15 und 40 Minuten. Die Workshops werden von (Peer-) Tutorinnen und Tutoren und Teilnehmenden anbieten. Die Workshops können auch kurzfristig angekündigt werden, dazu wurde eine Beschreibung auf dem Tagesplan ausgehängt, der Thema, Zielgruppe, Dauer und Treffpunkt beinhaltete.

(c) Zu den Geräten und Methoden werden (soweit möglich) schriftliche (oder Online-)Selbstlern-Materialien zur Verfügung gestellt, mit denen es möglich ist, erste Schritte durchzuführen oder einzuüben.

CC BY Maker Days for Kids | http://makerdays.wordpress.com CC BY Maker Days for Kids | http://makerdays.wordpress.com

Verbrauchsmaterialien wie Farbe, Karton, Holz, Altkleider, Plastikgefäße usw. stehen zur freien Entnahme. Alle Werkzeuge und Materialien, die nur eingeschränkt zur Verfügung stehen, z.B. die Folien für den Vinyl-Cutter, werden bei der Orga ausgegeben bzw. ausgeliehen, dort kann man auch Materialien reservieren.

Schließlich soll ergänzend auf die Prinzipien der Maker Days for Kids hingewiesen werden: Diese sind inspiriert vom Maker Manifesto (Hatch, 2013) inspiriert, haben aber einen eigenen Tenor. Auch der grobe Zeitplan wird in der folgenden Darstellung vorgestellt – und schließlich auch eine Übersicht der Materialien gegeben, die i.d.R. in Papierform für die Maker Days for Kids entworfen und gedruckt wurden.

makerdays_tab CC BY Sandra Schön

Einen Tag nach der Werkstatt werden (nach dem Aufräumen und „Verschwinden lassen“) bei einer großen Abschlusspräsentation Eindrücke und Ergebnisse in einer Präsentation und Ausstellung für Eltern und Interessierte vorgestellt. Dazu wurden u.a. auch Vertreter/innen der Lokalpolitik und Presse eingeladen.

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Mögliche Varianten und Ergänzungen

Da der Vorbereitungsaufwand sehr groß ist und Kreativität auch Zeit benötigt, empfiehlt es sich, die Werkstatt für mehrere Tage zu planen oder ggf. bestehende Werkstätten zu nutzen. Allerdings sind diese häufig nicht für einen doch recht großen Andrang (es befanden sich ja tagsüber ca. 45 Personen in der Werkstatt) ausgestattet.

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Tipps und Tricks

Die Aktivitäten bei den Maker Days werden auf unterschiedliche Weisen dokumentiert. Die Projekte der Kinder und Jugendlichen werden anonym im Weblog veröffentlicht, soweit dies möglich und gewünscht ist. Mit Hilfe einer ID erhalten sie ggf. einen direkten Link auf all ihre Projekte, der Link zu „ihren“ Projekten ist auch auf der Teilnehmerurkunde integriert (vgl. Schön, 2015). Bei der Vorbereitung der offenen Werkstatt erscheint ein großer Raum als erste Wahl, weil so prinzipiell gut zu sehen ist, was wo passiert und gemacht wird.

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Raum für kreatives Gestalten

Die Vorbereitungen und entwickelten Materialien, z.B. Ausleihkarten, und Methoden (z.B. Werkstattführung zu Beginn, kurze Workshops) dienen wesentlich dazu, dass der Kern, das offene Arbeiten, möglichst reibungslos und unmittelbar erfolgen kann. Bei den Teilnehmer/innen war so stets die Überraschung groß, dass sie sich beim Materialienlager selbst bedienen können und dass man eben das tun kann, wozu man Lust hat – im Zweifel auch nach Hause zu gehen. Auch der Raum für kreatives Gestalten ist demnach denkbar groß: Die kreative Arbeit wird durch die Gestaltung des Raumes (man kann sehen, was andere machen), durch die Ideen-Lounge mit Büchern, durch die Tages-Challenges sowie die Abschlussrunden an jedem Tag, bei denen Projekte des Tages vorgestellt wurden, zusätzlich unterstützt.

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Weitere Materialien dazu

Für das Modellprojekt „Maker Days for Kids“ haben sich mit Unterstützung der HIT-Unternehmensstiftung Mitarbeiter/innen der TU Graz, der landeseigenen Forschungsgesellschaft Salzburg Research, dem Schülerforschungszentrum Berchtesgadener Land, dem gemeinnützigen Bildungsverein BIMS e.V. sowie dem Haus der Jugend in Bad Reichenhall zusammengetan, um im Rahmen einer viertägigen offenen Werkstatt zu erproben, ob und wie Making-Aktivitäten in einer offenen Werkstatt für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren angeboten werden können und wie sie angenommen werden.


cover_handbuch_klein Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Making-Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen. Handbuch zum kreativen digitalen Gestalten“ (herausgegeben von Sandra Schön, Martin Ebner und Kristin Narr, März 2016). Das Buch steht ab 1.3.16 komplett als PDF offen lizenziert zur Verfügung (http://bit.do/handbuch) und ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich (ISBN 9783739236582). Das Handbuch entstand im Rahmen einer Kooperation des BIMS e.V., der Technischen Universität Graz, von Kristin-Narr.de, des Medienpädagogik Praxisblog, des fsm e.V. und seinem Projekt „Medien in die Schule“ sowie mit Unterstützung der HIT-Stiftung.

Dieser Artikel steht unter der CC BY 3.0 Creative Commons Namensnennung 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Sandra Schön für medienpaedagogik-praxis.de
Sandra Schön Kurzbio
ist Senior Researcher bei Salzburg Research (Abt. InnovationLab), leitet regelmäßige Praxisprojekte beim BIMS e.V., studierte Pädagogik, Psychologie und Informatik an der LMU München (M.A./Dr. phil.). Interessensschwerpunkte: Offene Bildungsressourcen (OER), Lernvideos, Videoarbeit, Maker Movement, Partizipation. Mehr im Weblog: http://sandra-schoen.de.
Verfasst am 03.02.2016

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