Fotogedichte „Vergnügungen“

Mit diesem Praxisbaustein sollen Jugendliche für die produktive und kreative Arbeit mit Gedichten motiviert werden. Sie erhalten zunächst einen Überblick über verschiedene Gedichtformate und entwickeln dann in Anlehnung an das Gedicht „Vergnügungen“ von Berthold Brecht ein eigenes Gedicht, das sie mit Hilfe der App Book Creator grafisch umsetzen.

Zielgruppe und Kontext

Das Projekt kann sowohl in schulischen als auch in außerschulischen Bildungskontexten umgesetzt werden.

  • Zielstufe: Primarschule 5. Klasse
  • Klassengrösse: 20
  • Unterrichtsfach: Deutsch
  • Thema: Fotogedichte
  • Zeit: Doppellektion

Ziele

„Vergnügungen“ ist ein Gedicht von Bertold Brecht, das in einer einfachen Form ohne Reime Dinge auflistet, die Vergnügungen bereiten können.

Das Projekt verfolgt mehrere Ziele:

Schülerinnen und Schüler sollen ihr Vorwissen zum Thema „Gedichte“ aktivieren und verschiedene Formen neu kennen lernen. Die Formen „klassisches Gedicht“, „Elfchen“, „Rap“ und „Vergnügungen“ lassen sich einerseits im Spannungsfeld „mit Reimen“ und „ohne Reime“ verorten, andererseits im Spannungsfeld „modern“ und klassisch“ (Idee: Andreas Hug):

Ein zweites Ziel ist die Erkenntnis, dass die Produktion von Gedichten nicht Künstlern, Dichtern und Musikern vorbehalten ist, sondern dass jeder Mensch Gedichte schreiben kann. Niederschwellige Beispiele sollen dies verdeutlichen und zur Eigenproduktion motivieren.

Das Herstellen von Portraitfotos und die Auseinandersetzung mit der Perspektive von Aussen ist ein drittes Ziel.

Ein viertes Ziel kann mit dem Stichwort „Philosophie der Lebenskunst“ (Wilhelm Schmid) umschrieben werden. Es geht um die Reflexion und Wertschätzung von Dingen im Leben, die Vergnügen bereiten.

Eine mögliche Erkenntnis kann sein, dass es oft kleine Dinge sind, die einem Vergnügen bereiten und dass man diese auf der Suche nach dem grossen Glück übersehen kann (Stichwort „Count your blessings“).

Ablauf

Zu Beginn wird das Wissen der Schülerinnen und Schüler zum Thema Gedichte aktiviert. Im Weiteren werden Bilder von bekannten Dichterinnen und Dichtern gezeigt – zusammen mit Bildern von bekannten Rappern und Rapperinnen. So soll deutlich werden, dass Gedichte aktuell sind und eine hohe Lebensweltnähe aufweisen können. Im Folgenden werden Beispiele für Gedichte gezeigt, die sich reimen.

“Nord-Süd-Gefälle” von Renate Golpon ist ein Gedicht, bei dem sich jede Zeile reimt:

Nord-Süd-Gefälle

Ein nettes Ehepaar ist schon seit Jahren
im Sommer stets nach Dänemark gefahren.
An Kosten konnten da sie nicht viel sparen,
darüber war’n sich Frau und Mann im Klaren.
Doch haperte es nicht so sehr am Baren!
Da gab es Defizite, als da waren:
Kein mildes Klima wie auf den Kanaren,
die bieten Sonnenschein – nicht Isobaren
der kalten Winde, hoch aus nordisch Maaren.
Weshalb treibt ’s Deutsche denn in hellen Scharen
gen Süden? Jochen, Jana, Kai und Karen
woll’n warmen Urlaub, einen wunderbaren!
Lars liebt den Ballermann der Balearen,
Lolita laue Luft auf Haut und Haaren.

(Quelle: http://www.lyrik-kalender.de/reim.html (Zugrifffsdatum: 2.7.2014))

Eskimo“ vom Mani Matter ist ein Lied auf Schweizerdeutsch, bei dem sich jede Zeile reimt.

Über ein weiteres Gedicht («Er ist’s» von Mörike) kann eine komplexere Form von Reimen verdeutlicht werden (Grimm 1995, S. 234):

Die Reime können jeweils farblich hervorgehoben werden.

Mit dem Thema „Elfchen“ wird ein Bereich präsentiert, in dem die Schülerinnen und Schüler Gedichte als etwas Einfaches und Machbares kennen lernen – und all das ohne Reime. Die implizite Botschaft lautet: „Nicht nur Dichter und Rapper können Gedichte machen, sondern auch ihr.“

Ein kurzes Video zeigt Schülerinnen und Schüler, die ihre selbst gemachten Elfchen präsentieren. Die Grundstruktur von Elfchen wird vorgestellt. Es wird deutlich, warum die Elfchen so heissen: 1+2+ 3+4+1 = 11 Wörter. Das Video dient auch dazu, den Schülerinnen und Schülern das Prinzip der Präsentation zu veranschaulichen und sie für ihre anstehenden Gedichtvorträge zu motivieren. (Quelle: http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=2119 (2.7.2014))

Das Gedicht „Vergnügungen“ von Bertold Brecht wird präsentiert und vorgelesen (Suhrkamp Verlag 1990, S. 1022):

Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.

Bertolt Brecht, 1954 (1898-1956)

Die Schülerinnen und Schüler bekommen den Auftrag, die Überschrift und die erste Zeile zu übernehmen und ihre eigene Version mit ihren eigenen Vergnügungen zu produzieren (vgl. Arbeitsblatt).

Mit Book Creator (vgl. Kurzanleitung) lassen sich Portraits mit den Gedichten zu einem Fotogedicht verbinden. Mit Book Creator können auf einfache Weise Text-, Bild-, Video- und Audiodaten auf einer Art virtueller Buchseite verbunden werden. Die Fotos werden – gesteuert durch die Software des Tablets – direkt über die eingebaute Kamera aufgenommen. Text- und Bildelemente können im Nachhinein beliebig positioniert und der Grösse nach angepasst werden. Das Textverarbeitungsmodul ermöglicht ausserdem einfache typografische Gestaltungsformen.

Am Ende werden die Fotogedichte mit einem Verbindungskabel an den Beamer angeschlossen und von den Machern vor der Gruppe vorgetragen. Die Zuhörenden geben konstruktives Feedback.

Die Fotogedichte werden später exportiert, ausgedruckt und im Klassenzimmer aufgehängt.

Übersicht zum Ablauf :

Aktivität Teilnehmende Aktivität Leitung
Thema Gedichte einführen
Vorwissen aktivieren Vorwissen aktivieren
Projekt erklären
Tablet an beamer anschliessen
Funktion des Apps Book Creator erklären
Tablets verteilen
Aufgabenblatt verteilen
Portraits aufnehmen
Text eingeben
Tablets nacheinander an Beamer anschliessen
An der Projektionsleinwand / Wand die Gedichte vor der Gruppe präsenteren
Feedback geben Feedback moderieren
Abschluss
Daten sichern und Exportieren
Fotogedichte ausdrucken bzw. digital zur Verfügung stellen

(Der Ablauf als PDF hier.)

Varianten, Erweiterungen, Modulationen

Wenn keine Tablets zur Verfügung stehen, kann das Projekt auch mit Fotokameras und Computern durchgeführt werden.

Wenn die Teilnehmenden bereits ausgedruckte Portraitfotos mitbringen, ist es auch möglich eine „unplugged“-Version des Projektes umzusetzen. Die Gedichte werden dann von Hand geschrieben und die Fotos auf das Papier geklebt.

Der Film mit den Elfchen-Präsentationen kann auch als Beispiel für Ansätze eines gelungenen Vortrags genutzt werden (http://www.planet-schule.de/sf/php/02_sen01.php?sendung=8484 (2.7.2014)).

Wenn genügend Zeit ist, kann der Vortrag des Gedichtes auch geübt werden.

Das Feedback kann spontan durchgeführt werden oder bezogen auf bestimmte Kriterien, die vorher bekannt gegeben werden:

  • Feedback zu den Fotos
  • Feedback zum Text
  • Feedback zur Rechtschreibung
  • Feedback zum Vortrag des Gedichts (Performance)

Mit Book Creator kann auch die abgefilmte Präsentation des Gedichtes  integriert werden.

Materialien

  • Tablets mit dem App Book Creator (ein Tablet pro 2er/3er-Gruppe)
  • Beamer zum Präsentieren der Fotogedichte
  • Verbindungskabel zum Anschließen der Tablets
  • Material für die Einführung

Literatur

  • Grimm, Gunter E. (Hg.): Deutsche Naturlyrik. Stuttgart: Reclam 1995
  • Suhrkamp Verlag (Hg.): Bertolt Brecht. Die Gedichte. Frankfurt am Main:Suhrkamp 1981 (6. Auflage 1990)
Dieser Artikel steht unter der CC BY-SA 3.0 Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 international . Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: Peter Holzwarth, Björn Maurer für medienpaedagogik-praxis.de
Peter Holzwarth Kurzbio
http://www.phzh.ch/personen/Peter.Holzwarth http://phzh.educanet2.ch/peter.holzwarth/ - Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich - Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg - Interessengebiete: Aktive Medienarbeit (Fotografie, Video, Audio), Filmbildung, Migration im Film, interkulturelle Bildung, visuelle Forschungsmethoden, Werbung und Werbekompetenzvermittlung, globales Lernen - Autor des Buchs "Kreative Medienarbeit mit Fotografie, Video und Audio."

Ein Kommentar

  1. Gofmann am 16.11.2016:

    So meistert eure Sätze und pauket euch zur Petze, so grüßet die Gesetze und achtet auf Absätze. Denn das Tippen auf der Taste, das Rühren mit den Schnüren, bestimmet eure Kaste und öffnet viele Türen.

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