Digital Storytelling

"Digital Storytelling in der Medienpädagogik"Man nehme: eine Gruppe Jugendlicher und fünf Tage Zeit. In dieser Form haben wir das Projekt in München zweimal mit Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz durchgeführt, die sich bei der Joblinge gAG auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, einmal mit einer Gruppe Stipendiaten von Talent im Land, einem Förderprogramm für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Wir beschreiben den Projektverlauf modular, da es keinen zwingenden linearen Ablauf einzelner Projektbausteine gibt – ob zuerst der Text aufgenommen wird oder fotografiert, bleibt den Jugendlichen selbst überlassen. Der Ablauf ist prozessorientiert, die Arbeit an den Filmen wird durchzogen von kurzen Theorieeinheiten zur Gestaltung von Text, Bild und Ton sowie zur Handhabung von Geräten und Software.

Modul 1: Der Storycircle.
In allen Kulturen sitzen Menschen im Kreis und erzählen Geschichten. In unserem Geschichtenkreis bekommen alle zehn Minuten Zeit, eine Geschichte aus dem eigenen Leben zu erzählen. Fokus dabei: Was war für dein Leben besonders, prägend, wann hat sich etwas verändert? Diese Aufgabe kennen die Jugendlichen schon vor Projektbeginn und haben Zeit, sich etwas zu überlegen. Anschließend haben die anderen Zeit, nachzufragen. Wichtige Regeln: Es geht immer um die Person, die grade dran ist. Es sind keine Wertungen erlaubt. Hilfreiche Nachfragen: Was an der Geschichte ist für dich so wichtig? Wer sind die zentralen Personen? Im Nachfragen geht es darum, die Geschichte zu verdichten, die Essenz herauszuarbeiten. Wichtig: Den positiven Aspekt fokussieren, resourcenorientiert arbeiten, keine Trauma-Fässer aufmachen, die in diesem Setting nicht bearbeitet werden können.

Modul 2:Die Geschichte aufschreiben.
Vorgabe: Nicht mehr als 300 Wörter. Tipps für eine gute Geschichte: Der Einstieg muss packen, zwischendurch sollte irgendwann etwas passieren, etwas Überraschendes, eine Veränderung, und der Schluss sollte das Ganze abrunden. Alle entwickeln einen eigenen Stil, ein Mädchen schreibt ein Märchen, ein anderes ein Gedicht, ein Junge entwickelt mit seinem Gitarre spielenden Freund einen eigenen Song, zwei Mädchen gemeinsam einen Dialog über ihre Freundschaft.

Modul 3: Die passenden Bilder zur Geschichte suchen.
Das können mitgebrachte Fotos sein, sie können aber auch im Rahmen des Projekts selbst fotografiert werden. Notfall: Bilder aus cc-Bilddatenbanken. Möglichkeit: Was ist das dominierende Gefühl dieses Geschichtenabschnitts? Wut? Nimm die Kamera, geh raus und fotografiere ein Bild, das Wut ausdrückt. Eine andere Möglichkeit: Arbeit mit Farben und Formen: Welche Farbe, welche Form passt zu diesem Textabschnitt? Fotografiere sie! Oder: Selbstportraits. Eine Kamera wird auf eine Stativ gestellt in einem separaten Raum oder einem abgetrennten Bereich. Hier können die Jugendlichen sich selbst mit Selbstauslöser in verschiedenenPosen, mit unterschiedlichen Accessoires und Gesichtsausdrücken fotografieren. Manche Jugendlichen zeichnen oder malen lieber. So entstand aus schwarz-weißen Strichmännchen ein Trickfilm, ein Junge zeichnete Comic-Szenen, ein Mädchen hat selbst gemalte Ölbilder abfotografiert.

Modul 4: Die Geschichte aufnehmen.
Einen geschriebenen Text lebendig vorzutragen ist eine Kunst. Manche nehmen gern einen Coach mit als Regisseurin oder Regisseur, andere sind lieber allein im Aufnahmeraum. Gesprochen wird auf jeden Fall im Stehen! Tipp für die Artikulation: Den Text einmal mit dem Daumen zwischen den Zähnen sprechen, das trainiert die Mundmuskulatur. Und: Wenn du dich an derselben Stelle zweimal versprichst, ändere den Text.

Modul 5: Musik und Geräusche.
In jeder Gruppe gibt es Musikerinnen und Musiker oder Freundinnen und Freunde, die Musik machen und die Geschichten vertonen können. Alternative: cc-Musik verwenden. Auch Sounds und Geräusche können Geschichten spannend machen! Selbst aufnehmen oder cc-Geräusche im Netz suchen.

Modul 6: Alles zusammenbauen.
Wir haben im ersten Seminar erst mit Audacity (Open Source) den gesamten Soundtrack zusammengebaut, dann im Videoprogramm die Bilder draufgelegt. In späteren Seminaren haben wir mit Adobe premiere elements und i-movie gearbeitet und alles in einem Programm montiert. Diese etwas ambitionierteren Programme haben den Vorteil, dass die Fotos animiert werden können (zoomen, schwenken, Ken Burns – Effekt) und so ein filmähnlicherer Eindruck entsteht.

Modul 7: Präsentation
Die Gruppe schaut sich die Geschichten gemeinsam an. Dabei wird nichts kommentiert, nichts diskutiert, einfach nur geschaut. Wir haben die entstandenen Geschichten bei einer öffentlichen Veranstaltung Eltern, Mentoren und Freunden vorgeführt. Und jedR entscheidet, ob seine/ ihre Geschichte auch im Netz veröffentlicht werden soll (bei Minderjährigen nicht ohne Einwilligung der Eltern).


Zielgruppe

  • Jugendliche
  • Fachkäfte
  • SeniorInnen
  • Intergenerativ
  • Geschlechter
  • Inklusiv

Eingesetzte Medien

  • Foto
  • Video
  • Audio
  • Web

Ziele

  • Reflexion
  • Exploration
  • Artikulation

Varianten, Erweiterungen, Modulationen

Die Projektidee eignet sich grundsätzlich für ganz unterschiedliche Zielgruppen und Themen. Die Stiftung Zuhören hat ein Projekt mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen erprobt. Dabei wurde die Geschichte auf 100 Wörter gekürzt, der Fokus verengt auf die Frage „erzähle, worin du gut bist“ und die Sprache, in der die Geschichte erzählt wurde, freigegeben. „Here‘s my story“ ist ein Projekt der Stiftung Zuhören und des Bayerischen Rundfunks für Mittelschüler aus verschiedenen Kulturen, die Geschichten über ihre Berufswünsche und Lebensziele erzählen werden.

Der Verein digital story vienna hat seit 2009 über 20 Workshops mit der Methode digital storytelling in ganz Österreich abgehalten. Von Zwölfjährigen Kindern, die in der Fremdsprache Englisch ihre Stories aufgenommen haben, bis zu über 80-Jährigen, die das Wien der 30er Jahre, den zweiten Weltkrieg und die Besatzungszeit beschreiben. 2012 hat der Verein ein einjähriges Projekt in Kooperation mit der VHS Brigittenau mit jugendlichen Migrantinnen und Migrantenbegonnen. Die VHS Kärnten hat nach unserer Schulung die Methode übernommen und arbeitet mit einem mobilen EDV Studio in der aufsuchenden Pädagogik. Auf Einladung des Sprachenzentrums der Universität Wien haben wir digital storytelling im Fremdsprachenunterricht vorgestellt, es wird seit zwei Semestern als Werkzeug eingesetzt.

Tipps & Tricks

Digitales Geschichtenerzählen ist kreative Medienarbeit mit der eigenen Biographie. Es fordert und fördert viele unterschiedliche Talente, texten, sprechen, Bilder finden, Sounds finden, unterschiedliche Mediensoftware beherrschen, sich gegenseitig unterstützen … Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen sich sehr schnell und sehr begeistert auf das Projekt eingelassen haben. Die eigene Geschichte zu erzählen scheint ein hoher Motivationsfaktor zu sein. Die Geschichten verändern sich im Lauf des Projekts. Oft findet durch die künstlerisch-kreative Auseinandersetzung mit schwierigen Momenten des eigenen Lebens Versöhnungs- und Verarbeitungsprozesse statt. Am Ende steht Stolz: auf das Produkt, den Film, aber auch auf das, was darin erzählt wird, das eigene Leben.

Die Geschichten, die entstehen, sind sehr individuell, nicht nur im Inhalt, auch in der Form. Hier zeigt sich auch das interkulturelle Potential eines solchen Projekts: Die Geschichte eines Jungen aus Sri Lanka ist bunt und schillernd wie ein Bollywood-Film, ein türkischer Jugendlicher baut Koransuren ein. Ein Professor an der pädagogischen Fachhochschule meinte: „ich habe in zwei Stunden mehr über meine Studentinnen und Studenten erfahren, als in den zwei Semestern, in denen ich sie unterrichtet habe“. In sehr kurzer Zeit lernen sich
Menschen tief kennen, tauschen ihre Geschichten aus und diese Geschichten voller Metaphern, Pointen und auch Tragödien berühren uns zu tiefst. Aus Medienkonsumentinnen und -konsumenten werden Medienproduzentinnen und -produzenten. Menschen, die keinen Zugang zu Medien besitzen, bekommen eine Stimme und ein Medium, indem Sie gesehen und gehört werden.

Schwierigkeiten

Das Projekt ist betreuungsintensiv, da alle an einer eigenen Geschichte arbeiten und Unterstützung brauchen. Die Gruppe sollte deshalb nicht zu groß sein und ausreichend Personal zur Verfügung stehen. Das pädagogische Team braucht vielfältige pädagogische und medienpädagogische Fähigkeiten und Kenntnisse. Es kann aber durchaus arbeitsteilig arbeiten, wir kombinieren beispielsweise gern eine Autorin bzw. einen Autor und eine Fotografin bzw. einen Fotografen. Durch das Projekt können Auseinandersetzungen angestoßen werden, die über das Projekt hinaus wirken. Wenn man, wie in unserem Fall, als externe Partner in eine Maßnahme (joblinge) hineinkommt, ist enge Absprache mit den Pädagoginnen und Pädagogen, die die Jugendlichen weiter begleiten, wichtig.

Feedback

Die Teilnehmenden in Deutschland waren durchweg stolz auf das Endprodukt, ihre digitale Geschichte. Sie kamen mit der eingesetzten Software gut zurecht und fanden es, nach anfänglicher Scheu, attraktiv, von sich zu erzählen. Die Rückmeldungen zur Rolle der Trainer war unterschiedlich, manche hatten den Eindruck, dass die Trainer ihnen zu viel ‚reinpfuschten‘, andere hätten sich mehr Unterstützung gewünscht. Das scheint bei einem biographischen Projekt ein noch sensiblerer Bereich zu sein als bei anderen aktiven Medienprojekten. Das Feedback zu den Seminaren in Österreich war bisher ebenfalls durchwegs positiv. Alle Seminare an den Volkshochschulen wurden evaluiert. Das persönliche Endergebnis eines eigenen fertigen Kurzfilms wurde gelobt. Der allgemeine Wunsch nach mehr Zeit in den Seminaren ist festellbar. Bislang werden die Geschichten im Netz veröffentlicht, in anderen Ländern gab es auch schon Zusammenarbeit mit TV-Sendern (BBC). In Bayern sind erste Kontakte zum Bayerischen Fernsehen geknüpft, das könnte eine Weiterentwicklung werden.

"Digital Storytelling in der Medienpädagogik"


Checkliste

  • Zwei bis fünf Tage, je nach Zielgruppe und Anspruch an die Ergebnisse
  • Acht bis 20 Teilnehmende
  • Ideal: Ein Coach pro fünf Teilnehmende
  • Ideal: Ein PC-Arbeitsplatz mit Audio- Video- und Bildbearbeitungssoftware und ein Kopfhörer pro Person
  • Drucker
  • Internet-Anschluss für Bild-, Musik und Geräuschrecherche (wir hatten Zugänge für cc-Bild- und Sounddatenbanken vorbereitet und einen kleinen Pool an cc-Musik angelegt)
  • Audio-Aufnahmegeräte
  • Digitalkameras, eventuell Handys der Teilnehmenden
  • Ruhiger Raum für Sprachaufnahmen
  • Optional: fest installiertes Fotostudio mit Selbstauslöser für autobiographische Selbstportraits
  • Eventuell Scanner für mitgebrachte Fotos

Links & Material

www.storycenter.org Seite des Center of Digital Storytelling USA
www.digitalstory.at Seite des österreichischen digital storytelling Vereins mit Filmen und den Grundlagen zum Thema digital storytelling


About

Elke Dillmann
Stiftung Zuhören
dillmann@stiftung-zuhoeren.de

Erwin Schmitzberger
Verein digital story vienna
e.schmitzberger@chello.at
www.digitalstory.at

Sabine Felber
Autobiografische Fotografie und digitales Geschichtenerzählen
mail@sabinefelber.de
www.see-the-story.de

Die Stiftung Zuhören ist eine bundesweite Stiftung verschiedener Medienhäuser mit dem Ziel, das Zuhören als Kulturtechnik zu fördern. Sie verfolgt dieses Ziel unter anderem mit medienpädagogischen Projekten.

Der Verein digital story vienna bietet workshops zum Thema digital storytelling an. Partner sind die Volkshochschule Wien und Kärnten, die pädagogische
Fachhochschule Wien, die Universität Wien, der Verband Österreichischer Volkshochschulen und diverse NGOs.

Autobiografische Fotografie und digitales Geschichtenerzählen wird von der selbständigen Fotografin Sabine Felber betrieben.

Elke Dillmann ist Journalistin und Medienpädagogin, Moderatorin und Autorin beim Bayerischen Rundfunk. Studium der Theater- und Medienwissenschaft, Literaturwissenschaft und Pädagogik, Coaching-Ausbildung. Konzeption und Projektleitung von Jugendmedienprojekten wie „TurnOn – Radio in der Schule“ und „Jobcast – Berufsorientierung mit Mikrofon und Kamera“. Mediencoach bei Audio-und Videoguideprojekten der wStiftung Zuhören. Trainerin bei zahlreichen Multiplikatorenfortbildungen.

Erwin Schmitzberger ist Medienpädagoge, Verlagskaufmann, Grafikausbildung, IT Consultant. Gründer und Leiter des Vereins digital story vienna

Sabine Felber ist Soziologin und Fotografin, Gründerin von Autobiografische Fotografie, Trainerin Fotografie und digital storytelling

Creative Commons-LizenzDieser Artikel steht unter der Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany Lizenz. Der Name des Autors soll wie folgt genannt werden: GastautorIn für medienpaedagogik-praxis.de
GastautorIn
Verfasst am 29.11.2012

2 Kommentare

  1. Ulrich Tausend am 29.11.2012:

    Interesting! Nur die Links im About funktionieren nicht. Es lebe das http://.

  2. Tobias Albers-Heinemann

    Tobias Albers-Heinemann am 29.11.2012:

    Danke für den Hinweis, Ulrich … wurde korrigiert ;-)

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